Pflegeberatung im Internet - Information für Betroffene und ihre Angehörige

Der Informationsbedarf Pflegebedürftiger und ihrer Angehöriger ist vielfältig. Welche Angebote gehen auf die Informations-, Beratungs- und Unterstützungsbedürfnisse Pflegebedürftiger und ihrer Familien ein?
Online-Angebote können die Pflegeberatung sinnvoll ergänzen und werden in verschiedenen Ländern bereits erfolgreich umgesetzt. Einzelne erfolgreiche Projekte existieren jedoch bereits und zeigen das Potential solcher Angebote.

Die Diagnose steht schnell fest: Schlaganfall. Nach der Behandlung im Krankenhaus folgt ein Aufenthalt in einer Rehabilitationsklinik. Doch es stellt sich bald heraus: Mutter wird von nun an nicht mehr allein zu Hause zurechtkommen. Also heißt es nun: Hilfe organisieren. Doch wie genau soll diese aussehen und woher kann sie kommen? Die Informationssuche beginnt im Internet. Die Stichwörter „Pflege“, „Schlaganfall“, „Hilfe“ und „Beratung“ liefern scheinbar unendlich viele Treffer. Antworten auf konkrete Fragen findet man jedoch selten darunter. Wie wird die Rückkehr der Pflegebedürftigen ins eigene Zuhause aussehen? Wird sie mit der geeigneten Unterstützung weiter in ihrer eigenen Wohnung leben können? Ist ein Umzug zu Ihren Kindern oder anderen nahen Angehörigen notwendig? Oder erscheint ein Umzug in eine alternative Wohnform wie Betreutes Wohnen oder ein Pflegeheim als die bessere Lösung? Was kosten die verschiedenen Lösungsmöglichkeiten? Wer muss welche Kosten übernehmen? 

Die Vielzahl der meist sehr individuellen Fragen sowie die Tatsache, dass all diese meist unter großem Zeitdruck beantwortet werden müssen, können Ratsuchende verunsichern oder sogar überfordern. Was viele Ratsuchende bislang nicht wissen: Mit dem In-Kraft-Treten des Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes existiert seit 2009 ein gesetzlicher Anspruch auf eine umfassende, kostenlose, unabhängige und individuelle Pflegeberatung. Doch wo genau wohnortnahe Beratungsleistungen zu finden sind, ist selten bekannt. 

In Deutschland ist die Pflegeberatung nach §7a SGB XI an verschiedenen Stellen angesiedelt: bei den gesetzlichen Pflegekassen, bei der der COMPASS Private Pflegeberatung GmbH für privat Versicherte sowie in den bundesweit eingerichteten Pflegestützpunkten. Bei der Suche nach dem nächstgelegenen Stützpunkt und der damit verbundenen Beratungsleistung hilft das Internet. So stellt das Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) eine Datenbank zur Pflegeberatung bereit, welche die Kontaktdaten aller bundesweiten Pflegestützpunkte sowie Informationen zum Angebot der Privaten Pflegeversicherung beinhaltet. 

Geht es um die Planung oder Organisation der Pflege, ist eine individuelle Beratung entscheidend, in der Raum für persönlichen Austausch und eine bedarfsgerechte Unterstützung ist. Darüber hinaus suchen Betroffene vielfach im Internet nach ergänzenden Informationen, um sich zu verschiedensten Themen aufzuklären und so informierte Entscheidungen treffen zu können. Hierzu leistet z.B. das Pflegeportal der Landesregierung Schleswig-Holstein einen wichtigen Beitrag.

Allgemeine Informationen und spezielle Unterstützungsangebote in Wohnortnähe: www.schleswig-holstein.de/pflege

Das Pflegeportal der Landesregierung Schleswig-Holstein stellt Informationen rund um das Thema Pflege in einfacher und verständlicher Sprache zur Verfügung. Als besondere Darstellungsform kommen schriftliche Erfahrungsberichte über typische Alltagssituationen, Herausforderungen aber auch mögliche Lebensformen von Pflegebedürftigen zum Einsatz. Diese Art der Darstellung erleichtert es Ratsuchenden, abstrakte Informationen auf ganz alltägliche Situationen zu übertragen. 

Unter der Rubrik „Gut zu wissen“ werden zu den Themen „Rat finden“, „Vorsorge treffen“ und „Hilfe annehmen“ wertvolle Antworten auf Alltagsfragen von Pflegebe-dürftigen und ihren Angehörigen veröffentlicht. Zudem gibt es Ratschläge und Hin-weise für ein Leben mit Pflege- und Hilfebedarf, sowohl in der eigenen Häuslichkeit, aber auch in verschiedenen Einrichtungen. Eine Vorstellung der unterschiedlich existierenden Wohnformen ermöglicht es, einen Eindruck einer für die individuellen Bedürfnisse geeigneten Lösung zu finden. Auch für die Thematik wichtige Begrifflichkeiten werden erläutert, so hilft z.B. die Aufklärung über das System der „Pflegestufen“, eine erste Einschätzung zu treffen und erleichtert so auch z.B. Formalitäten einer Beantragung. Gerade zum Thema Demenz bietet diese Website vielfältige Informationen, um pflegende Angehörige über das komplexe Krankheitsbild und die besonderen Herausforderungen in der pflegerischen Versorgung aufzuklären und so zu unterstützen.

Entlastung für pflegende Angehörige: www.pflegen-und-leben.de

Die meisten Menschen wollen bis in das hohe Alter eigenständig in ihrer vertrauten Umgebung leben – unabhängig davon, ob sie im Alltag Hilfe oder auch Pflege brauchen. Lässt sich dieser Wunsch realisieren, werden Pflegebedürftige oft von ihren Ehepartnern versorgt. Sind diese verstorben, kümmern sich vor allem die Kinder oder andere nahe Angehörige, zunehmend unterstützt durch Pflegedienste und hauswirtschaftliche Hilfen. Meist markiert gerade der Beginn einer Pflegebedürftigkeit und die damit verbundenen Umstellungen und Anpassungen eine intensive Zeit für die Betroffenen und ihre Familien. Rollen und Verantwortungen werden neu verteilt und Familien versuchen, sich mit der Situation und den daraus erwachsenen Herausforderungen bestmöglich zu arrangieren. Steigt der Pflegebedarf oder wird etwa die Diagnose Demenz gestellt, sind pflegende Angehörige besonders unter Druck. Dies gilt vor allem dann, wenn sie selbst gesundheitliche Probleme haben und sie sich mit der Aufgabe der Versorgung und Betreuung allein gelassen fühlen.

Ein professionelles Online-Angebot, welches sich speziell an pflegende Angehörige wendet, ist www.pflegen-und-leben.de. Es wird vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend gefördert und von einem psychologisch qualifizierten Team umgesetzt. Hier können sich Angehörige individuell, anonym und kostenlos psychologisch beraten und unterstützen lassen. Dieses Beratungsformat erleichtert es Pflegenden vor allem sensible und tabubesetzte Themen anzusprechen, wie z.B. Inkontinenz, Scham, Ekel oder Aggressivität. 

Trotz vielfältiger Unterstützungsmöglichkeiten kann eine bedarfsgerechte und qualitativ hochwertige Versorgung der pflegebedürftigen Person zu Hause nicht in allen Fällen gewährleistet werden. Was, wenn die Entscheidung für einen Umzug in ein Pflegeheim unumgänglich ist? Wie kann eine passende Einrichtung gefunden werden? Wie kann man im Voraus dafür sorgen, dass sich der Pflegebedürftige dort auch wirklich wohlfühlt und zudem gut versorgt wird?

Auf der Suche nach einem passenden Pflegeheim: www.weisse-liste.de/pflege

In einer Untersuchung der COMPASS Pflegeberatung wurden Privatversicherte (40+ Jahre) gefragt, unter welchen Umständen sie sich für ein Pflegeheim entscheiden würden. Häufig genannte Gründe für diesen Schritt sind das Vorliegen einer Demenz oder aber auch eine übermäßige Belastung der pflegenden Angehörigen. 

Ist dieser Entschluss einmal getroffen und steht ein Umzug in ein Pflegeheim unmittelbar bevor, müssen die folgenden Schritte und Entscheidungen von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen oft unter Zeitdruck gefällt werden. Eine Vielzahl von Informationen ist hierbei entscheidend; so ist es z.B. wichtig zu wissen, wie hoch die Auslastung der Einrichtungen ist und für wen freie Plätze geeignet sind (für Frauen oder Männer; im Einzel- oder Doppelzimmer). Auch Angaben zu Spezialisierungen (beispielsweise auf Demenz), Kosten (z.B. zu leistenden Zuzahlungen) und die Nähe zum Wohnort oder zu Angehörigen können von Interesse sein. Die „Weisse Liste“ ermöglicht Ratsuchenden systematische Suchabfragen. Über individuell festgelegte Suchkriterien können Ratsuchende sich einen Überblick über die Einrichtungen in der Nähe verschaffen und ausgewählte Pflegeheime vergleichen. Doch die Recherche im Internet reicht für die finale Entscheidung nicht aus. So zeigen Befragungen, dass sich die meisten Betroffenen oder stellvertretend ihre Angehörigen im Schnitt zwei bis drei Einrichtungen anschauen, bevor sie letztendlich eine Entscheidung treffen (Altenpflegemonitor, 2007). 

Zur möglichst guten Vorbereitung der Besichtigungen und dem anschließenden systematischen Vergleich der Einrichtungen, bietet die „Weisse Liste“ eine „Pflegeheimcheckliste“, die mit Unterstützung des ZQP entwickelt wurde. Mithilfe dieser Liste können Pflegebedürftige und ihre Angehörigen die eigenen, für die spätere Wohnsituation relevanten Wünsche, Vorstellungen und alltäglichen Gewohnheiten (beispielsweise Essenszeiten), schriftlich festhalten und sicherstellen, wichtige Punkte während des Termins nicht zu vergessen. Um eine Einrichtung kennenzulernen, sollten Angehörige sich nicht auf ein Gespräch mit der Pflegeheimleitung beschränken, sondern bei einem oder mehreren Rundgängen im Haus den Kontakt zu anderen Mitarbeitern, Bewohnern und Angehörigen suchen, um sich einen Eindruck von der Atmosphäre zu verschaffen.

Ausblick und Entwicklungschancen

Die Situationen, in denen Pflegebedürftige und ihre Angehörigen Informationen benötigen sind so vielfältig wie die Informationen selbst. Zeichnet sich eine einsetzende Pflegebedürftigkeit ab, suchen viele erst nach allgemeinen Informationen, um sich in dieser neuen Lebenssituation zu orientieren. Verändert sich die Pflegebedürftigkeit, wird der Informationsbedarf meist spezifischer. Besonders an den Schnittstellen der Versorgung, wie z.B. beim Umzug in eine Einrichtung oder der Entlassung aus einem Krankenhaus sind spezielle Informationen und Möglichkeiten der Unterstützung besonders gefragt. 

Neben einer Pflegeberatung vor Ort werden zunehmend qualitätsgesicherte Bera-tungs- und Informationsangebote im Internet nachgefragt. Dieser Informationsbedarf wird voraussichtlich mit dem demographischen Wandel weiter steigen und auch vielfältiger werden. Laut einer Studie der Universität Leipzig haben pflegebedürftige ältere Menschen und ihre Angehörigen insbesondere zu folgenden Themen Informationsbedarf:

Generell wünschen sich Betroffene Informationen dazu, wie das Versorgungssystem funktioniert und welche Hilfsangebote und regionale Dienstleister für sie selbst zur Verfügung stehen. Darüber hinaus haben sie spezifische Fragen zu ihrer Krankheit oder aktuellen Lebenssituation. Zwar nutzen Pflegebedürftige das Internet überwiegend noch nicht selbst, dafür ihre Partner, Kinder, Enkel, aber auch Beratungsinstitutionen greifen immer häufiger darauf zu. Doch aktuell ist es nicht immer einfach, verlässliche und leicht verständliche Informationen zu dem gewünschten Thema zu finden. 

Wie sollten Online-Beratungsangebote zum Thema Pflege gestaltet werden, damit sie, als Ergänzung zur individuellen Pflegeberatung, den Informations- und Bera-tungsbedarf von Betroffenen möglichst effektiv und zuverlässig decken können?

  • Umfassende Webseiten sollten unabhängig, neutral und regional differenziert über verschiedene Leistungsanbieter im Gesundheitswesen informieren.
  • Online-Beratungsangebote sollten besonders Tabuthemen wie Ekel, Scham oder Aggression und andere besonders sensible Problemsituationen ansprechen und den Vorteil der Anonymität nutzen.
  • Gute Angebote sollten sich vernetzen und dabei Inhalte gezielt verknüpfen, anstatt lediglich allgemeine Verlinkungen zwischen den Angeboten herzustellen. 
  • Das vorhandene Wissen sollte „auf Augenhöhe“ entweder gezielt nach The-men oder Nutzeranliegen gebündelt und bereitgestellt werden. Ein Beispiel dafür ist ein englischsprachiges niedrigschwelliges Angebot, das Erfahrungsberichte und persönliche Geschichten von Betroffenen in Filmsequenzen online stellt. So wird ein umfassender Einblick in ein Thema geboten und möglichweise der Anstoß gegeben, den direkten Austausch mit Betroffenen beispielsweise in örtlichen Selbsthilfegruppen zu suchen. Eine ausführlichere Beschreibung ist im Guten Praxis Beispiel zu finden.

Fazit
Online-Angebote werden Pflegeberatung vor Ort nie ersetzen, sondern diese ergänzen. Aktuell müssen die Strukturen der Pflegeberatung in Deutschland weiter ausgebaut und qualitätsgesichert weiterentwickelt werden. Ein entsprechendes Online-Angebot als zentrale Zugangsmöglichkeit mit umfassenden Informationen rund um das Thema Pflege und inhaltlichen Verknüpfungen zu Spezialgebieten würde die erste Informationssuche für die Betroffenen erleichtern.