Alternde Migranten und Pflege in Deutschland – eine Bestandsaufnahme

Der Anteil der über 65-jährigen Bevölkerung mit Migrationshintergrund zählt zu der am schnellsten wachsenden Bevölkerungsgruppe in Deutschland. Beinahe unbemerkt von der Öffentlichkeit sind Pflege und Migration zu einem zentralen Thema geworden. Zurzeit nutzen hilfe- und pflegebedürftige Ältere mit Migrationshintergrund deutlich seltener professionelle medizinisch-pflegerische Versorgung als Nicht-Migranten. Zukünftig werden ihre Familien den steigenden Hilfe- und Pflegebedarf voraussichtlich nicht allein decken können. Pflegeorganisationen sind zunehmend gefordert, sich auf ein interkulturelles Klientel einzustellen und entsprechende Pflege- und Informationsangebote anzubieten.

Bevölkerung mit Migrationshintergrund in Deutschland

Der Anteil älterer, pflegebedürftiger Migranten in Deutschland wird zunehmen. Laut Mikrozensus 2014 schwankt der Anteil von Migranten in der Altersgruppe ab 65 Jahren regional erheblich und liegt zwischen unter 4 Prozent in den neuen Bundesländern bis hin zu 12 Prozent und mehr in ausgewählten Regionen Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen. Prognosen lassen zudem erwarten, dass die Gruppe der über 65-Jährigen mit Migrationshintergrund bis zum Jahr 2030 von aktuell 1,4 Mio. auf 2,8 Mio. ansteigen wird. Dies bedeutet auch einen zunehmenden Anteil pflege- und hilfebedürftiger Migranten mit wachsendem Unterstützungsbedarf. In Konsequenz daraus muss auch das deutsche Versorgungssystem zukünftig noch stärker den Anforderungen einer zunehmend interkulturellen Gesellschaft Rechnung tragen. 

Die Datenlage zu konkreten Bedürfnissen und Bedarfen dieser Menschen ist insgesamt jedoch noch lückenhaft und heterogen. 

Lebenssituation älterer Menschen mit Migrationshintergrund

Erste Anhaltspunkte zur Einschätzung der Situation Pflegebedürftiger mit Migrationshintergrund bietet die im Auftrag des BMG durchgeführte Studie zu „Wirkungen des Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes“. Diese zeigt, dass pflegebedürftige Personen mit Migrationshintergrund im Durchschnitt knapp 10 Jahre jünger als pflegebedürftige Nicht-Migranten sind. Jedoch ist der Anteil derjenigen in Pflegestufe III mit insgesamt 15 Prozent höher als der bei pflegebedürftigen Menschen ohne Migrationshintergrund (neun Prozent). Dies bestätigen auch Daten des „Zweiten Integrationsindikatorenbericht“ der Bundesregierung (2011). Demzufolge haben ältere Migranten eine höhere gesundheitliche Belastung als ältere Menschen ohne Migrationshintergrund – eine Tatsache, die sich möglicherweise mit schlechteren Arbeitsbedingungen, einer geringeren Inanspruchnahme von präventiven Angeboten oder auch den häufig sozioökonomisch schwierigeren Lebensbedingungen erklären lässt. Evidenz liegt hierfür jedoch nicht vor.

Vorstellungen und Erwartungen zu Alter und Pflege

 Konkrete Vorstellungen älterer Migranten zu Alter und einer pflegerischen Versorgung unterscheiden sich nur unwesentlich von denen der Nicht-Migranten – so ist bei beiden Gruppen gleichermaßen der Wunsch vorhanden, dass Familienangehörige die Pflege (mit-)übernehmen. 

Die Chancen für den Erhalt der selbständigen Lebensführung hängen dabei neben der Pflegebereitschaft der Angehörigen auch von der Wohnsituation und damit auch der Nähe zu Kindern wie Verwandten ab. Die Unterschiede zwischen Migranten und Menschen ohne Migrationshintergrund bezüglich der familiären Unterstützungspotenziale und der Wohnsituation werden hierbei aber häufig überschätzt.

So zeigt ein Bericht der Bundesregierung („Pflegebedürftigkeit und Nachfrage nach Pflegeleistungen von Migrantinnen und Migranten im demographischen Wandel“, 2012), dass die familialen Pflegepotenziale in beiden Gruppen gleichermaßen zurückgehen werden. Somit lässt sich feststellen, dass hinsichtlich konkreter Pflegeerwartungen und zu erwartender Realität familialer Unterstützungspotenziale kaum wesentliche Unterschiede zwischen den beiden Gruppen existieren. 

In jedem Fall wird auch die jüngere Migrantengeneration zukünftig vor der Herausforderung stehen, die Versorgung ihrer Eltern sicherzustellen und wird dabei zunehmend  auf Angebote von Pflegeorganisationen zurückgreifen. Wie eine ZQP Studie zur pflegerischen Versorgung türkeistämmiger Migranten in Berlin zeigt, ist auch in dieser Population die Kombination aus familiärer und professioneller Pflege das bevorzugte Pflegemodell. Rund ein Drittel der Befragten lehnt dabei sorgar die Pflege durch die eigenen Kinder ab.

Pflegerische Versorgung älterer Migranten

Doch es gibt auch Unterschiede. Laut aktueller Pflegestatistik haben acht Prozent aller Leistungsempfänger der Pflegeversicherung einen Migrationshintergrund. Dies entspricht in etwa 192.000 pflegebedürftigen Personen. Differenziert nach Versorgungsform berichtet die Studie „Wirkungen des Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes“ (2011), dass acht Prozent aller Pflegebedürftigen in Privathaushalten, sieben Prozent der Klienten ambulanter Dienste sowie neun Prozent der vollstationär Versorgten einen Migrationshintergrund haben. Dabei nutzen Migranten professionelle Pflegeleistungen seltener als Personen ohne Migrations-hintergrund. Beispielsweise entscheiden sich Leistungsempfänger der Pflegeversicherung mit Migrationshintergrund deutlich häufiger für das Pflegegeld als für Sach- und Kombinationsleistungen. Sie begründen diese Entscheidung damit, das Geld für den laufenden Lebensunterhalt zu benötigen und nicht zu wollen, dass Fremde die Pflege übernehmen. Sprachbarrieren und eine mangelnde Berücksichtigung kultureller und religiöser Belange werden hierbei seltener als Grund genannt. Auf Seiten der Pflegeanbieter zeigt die Studie, dass nur 12 Prozent der befragten ambulanten Pflegedienste angeben, Pflegebedürftige mit Migrationshintergrund als Klienten zu haben. Weiterhin zeigt sich, dass 62 Prozent dieser Dienste in der Regel nicht in der Lage sind, eine Pflegekraft mit derselben Muttersprache zu diesen Klienten schicken zu können. 

In der Gesamtschau ist festzuhalten, dass auch der Pflegebedarf in der Migrantenpopulation zukünftig weiter steigen wird, während sich familiale Pflegepotenziale weiter rückläufig entwickeln. Vor dem Hintergrund einer aktuell geringeren Inanspruchnahme professioneller Leistungsangebote der Pflegeversicherung erscheint ein besonderer Handlungsbedarf absehbar. In der ZQP Studie zur pflegerischen Versorgung türkeistämmiger Migranten in Berlin wünschen sich 48 Prozent der Befragten im Pflegefall mehr Unterstützung im Alltag. Neben körpernaher Hilfe besteht starker Unterstützungsbedarf im haushaltsnahen Bereich sowie bei der außerhäuslichen Mobilität und bürokratischen Aufgaben. Gefragt danach, woran sie gute Pflege erkennen, wiesen die Befragten vorrangig auf eine kultursensible Alltagspraxis hin, wie das Ausziehen von Straßenschuhen in der Wohnung (89%), die Berücksichtigung von Ernährungsgewohnheiten (86,9%) oder Türkischkenntnisse des Pflegepersonals. Auffällig ist in dieser Studie der geringe Informations- und Wissensstand zu pflegerischen Unterstützungsangeboten und die nur lückenhafte Inanspruchnahme der Pflegeversicherung (78,7%).

Ausblick von Pflege im Wandel der Gesellschaft

Im Zuge einer zunehmend vielfältigeren Gesellschaft müssen künftig im Rahmen einer bedarfsgerechten Versorgung noch stärker die individuellen Bedürfnisse Berücksichtigung finden. Dabei spielen auch die besonderen Vorstellungen älterer Menschen aus anderen Kulturen eine wichtige Rolle. So ist sicherzustellen, dass auch dem wachsenden Anteil älterer Migranten der Zugang zum deutschen Versorgungssystem erleichtert wird und damit auch die Akzeptanz und das Vertrauen dieser Menschen in unser Gesundheitssystem gestärkt werden. Eine wichtige Maßnahme, um einen niedrigschwelligen Zugang zu Leistungsangeboten zu gewähren, liegt in der Beseitigung sprachlicher Barrieren. Dies gilt für den Bereich der Aufklärung und Information (u.a. mehrsprachige Informations-broschüren, Angebot einer mehrsprachigen Pflegeberatung) ebenso wie einer verstärkten Einbindung von professionell Pflegenden mit Migrationshintergrund. Neben der Sprache können auch kulturelle und religiöse Unterschiede von großer Bedeutung sein – so sollte im Zuge einer interkulturellen Öffnung seitens der professionellen Pflege auch das Vertrauen und damit auch die Inanspruchnahme von Versorgungsleistungen durch Migranten erhöht werden. Dies kann z.B. durch gezielte Schulungsprogramme zur Fort- und Weiterbildung im Kontext „kultursensible Pflege“ und eine bessere Aufklärung der Anbieter professioneller Pflege zu wichtigen kulturellen und religiösen Unterschieden und damit verbundenen Bedürfnissen erreicht werden. So können Missverständnisse und Grenzüberschreitungen vermieden und die Toleranz und auch Neugier gegenüber kulturellen Unterschieden gestärkt werden.

Empfehlungen zur Stärkung kultursensibler Altenhilfe

Im Bericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge „Pflegebedürftigkeit und Nachfrage nach Pflegeleistungen von Migrantinnen und Migranten im demographischen Wandel“ (2012) werden folgende Maßnahmen empfohlen, um die pflegerisch-medizinische Versorgung zukünftig zu verbessern.

  • Verbesserung der allgemeinen Integration von Migranten: Abbau von sprachlichen und kulturellen Barrieren beim Zugang zu den Versorgungsangeboten des Gesundheits-und Pflegewesens und Verbreitung von zielgruppenspezifischen, mehrsprachigen und kultursensiblen Informationen.
  • Stärkung der Prävention: Ausbau der Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und Prävention hinsichtlich der Arbeitsbedingungen und sozialen Belastungen, einschließlich niedrigschwelliger Angebote und Verbreitung von entsprechenden mehrsprachigen Informationsbroschüren.
  • Förderung des Zugangs von Personen mit Migrationshintergrund in das Berufsfeld Pflege: Überwindung von sprachlichen und kulturellen Barrieren im Umgang mit Pflegebedürftigen. 
  • Schulungsprogramme für Fort- und Weiterbildung: Workshops, Kongresse und Projekte zur Qualitätsverbesserung anbieten und Rahmenbedingungen schaffen, die eine Umsetzung entsprechender Maßnahmen erleichtern. 
  • Verbesserung der Datenlage zur Gesundheit von Migrantinnen und Migranten: In vielen Routinestatistiken ist es nicht möglich, nach Staatsangehörigkeit und Migrationshintergrund zu differenzieren. Dies sollte zukünftig geändert werden, um Integrationserfolge und -defizite in den medizinisch-pflegerischen Versorgungsstrukturen zu analysieren und ggf. empirisch abgesicherte Maßnahmen zur Gegensteuerung zu planen.

(Stand: April 2015)