14.11.2013

Pflege ohne Zwang

Mehr als 85.000 richterlich genehmigte freiheitsentziehende Maßnahmen in der Pflege. Die Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) fordert, diese als übliche Pflegepraxis abzuschaffen.

 

Berlin, 14. November 2013. Freiheitsentziehende Maßnahmen (FEM) sind ein bedeutsames Problem bei der Versorgung pflegebedürftiger Menschen, denn sie gehören zu den schwersten Eingriffen in die Menschenrechte. Trotzdem wurden bundesweit allein 2012 über 85.000 freiheitsentziehende Maßnahmen in der Pflege richterlich genehmigt. Unter die 85.000 genehmigten FEM fallen vorwiegend mechanische Zwangsanwendungen wie Bettgitter oder Gurte. Zusätzlich kommen oftmals auch Medikamente zum Einsatz, um Pflegebedürftige ruhig zu stellen. Die Dunkelziffer, so sind sich Wissenschaftler und Praktiker einig, ist sogar noch weitaus höher. Besonders Menschen mit demenziellen Erkrankungen sind aufgrund ihres oftmals ausgeprägten Bewegungsdrangs stark gefährdet, in ihren grundlegenden Rechten, ihrer körperlichen Unversehrtheit und Selbstbestimmung verletzt zu werden.

Vor diesem Hintergrund hatten das Bundesfamilienministerium (BMFSFJ) und das ZQP am 7. November 2013 zu einer Fachkonferenz eingeladen. In einem fachübergreifenden Dialog diskutierten Experten ethische, menschenrechtliche und pflegewissenschaftliche Aspekte von freiheitsentziehenden Maßnahmen. Einig waren sich die versammelten Wissenschaftler vor allem in einem Punkt:
Solche Maßnahmen sind in der Regel kein brauchbares Instrument, um die körperliche Unversehrtheit von Menschen zu gewährleisten. Im Gegenteil: FEM sind für pflegebedürftige Menschen sogar eher schädlich.

„Ziel muss es sein, freiheitsentziehende Maßnahmen als übliche Pflegepraxis abzuschaffen“, erklärte Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des ZQP. Gleichzeitig warnt Suhr aber vor einer zu starken Skandalisierung des Themas: „Es darf nicht darum gehen, pflegende Angehörige oder professionelle Kräfte an den Pranger zu stellen oder gar zu kriminalisieren. Wir müssen vielmehr einen Austausch über unangemessene Maßnahmen ermöglichen und Konzepte zur Vermeidung fördern.“ Tatsächlich gäbe es bereits wegweisende Ansätze und Konzepte sowie vorbildhafte Einrichtungen und Dienste, die konsequent FEM in ihrem Pflegealltag umgehen, so Suhr.

Das ZQP stellt eine Übersicht auf seiner Interseite zur Verfügung, die alle bundesweiten Unterstützungs- und Hilfsangebote für den Krisenfall bereithält. Diese ermöglicht einen schnellen Zugriff auf alle bestehenden Beratungsangebote in Deutschland, die sich vorrangig auf das Thema Gewalt in der Pflege spezialisiert haben.