12.06.2014

Apps aktivieren Menschen mit Demenz

ZQP-Studie: In einem Berliner Seniorenwohnheim wurde erstmalig der Nutzen von Tablet-Anwendungen in der Beschäftigung und Therapie von Demenzkranken untersucht

 

Berlin, 12. Juni 2014. Weltweit wird nach Möglichkeiten nicht-medikamentöser Therapien für die stark wachsende Zahl von Demenzkranken gesucht. Dabei wird immer wieder der Versuch gemacht, auch neueste Kommunikationstechnik einzusetzen. In einem Berliner Senio-renwohnheim wurde in einer Pilotstudie erstmalig untersucht, welchen Nutzen Tablet-Anwendungen, wie z. B. Quizspiele oder Buchstabenrätsel, in der Beschäftigung und Therapie von demenziell erkrankten Bewohnern haben können. Im Auftrag der Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege (ZQP) fanden Forscher der Charité Hinweise darauf, dass die eingesetzten Apps Demenzkranken helfen könnten, ihr Gedächtnis zu trainieren, miteinander zu kommunizieren und dadurch am Wohnheimalltag besser teilhaben können. Auch typische Verhaltensauffälligkeiten von Demenzkranken, wie innere Unruhe oder Apathie, konnten bei den Studienteilnehmern reduziert werden. 

„Das Besondere an dieser Pilotstudie ist, dass eine Anregung aus der Pflegepraxis aufgegriffen und wissenschaftlich untersucht wurde. Die Idee zu unserem Gemeinschaftsprojekt ist nicht auf dem Reißbrett im Elfenbeinturm entstanden, sondern basiert auf den Erfahrungen derjenigen, die täglich Menschen mit Demenz betreuen und versorgen. Dies ist ein wichtiger Beitrag zur Weiterentwicklung und Aufwertung des Pflegeberufs“, sagt Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Zentrum für Qualität in der Pflege. 

Der Einsatz von Tablet-Anwendungen konnte die Wissenschaftler in mehrfacher Hinsicht überzeugen. Die größten technischen Vorteile liegen in ihrer leichten Bedienbarkeit sowie ihren multifunktionalen Anwendungsmöglichkeiten. „Unsere ersten Untersuchungsergebnisse zeigen Möglichkeiten auf, wie mithilfe von Tablet-Computern das Wohlbefinden von demenzkranken Pflegeheimbewohnern, ihre Selbstständigkeit und soziale Einbindung gestärkt werden und so letztlich auch Pflegekräfte entlastet und der Kontakt zu Angehörigen verbessert werden kann“, erläutert Prof. Dr. Adelheid Kuhlmey, Leiterin des Instituts für Medizinische Soziologie und Rehabilitationswissenschaft der Charité. 

Zudem vermittelten die Beobachtungen den Eindruck, dass durch den Einsatz des neuen Mediums vorhandene kognitive Fähigkeiten wieder aktiviert werden konnten. Allerdings verdeutlichen die Ergebnisse auch, dass der Einsatz der Tablets immer von einer Pflegekraft begleitet und zuvor durch Schulungen gezielt vorbereitet werden muss. Ein weiter Befund: Die zur Therapie eingesetzten Apps sollten immer individuell auf jeden demenziell erkrankten Bewohner abgestimmt werden. 

Obwohl die Technik den Studienteilnehmern noch kurz zuvor gänzlich unbekannt war, gab es kaum Berührungsängste. Die spielerischen und interaktiven Möglichkeiten der Apps bereiteten den demenziell erkrankten Bewohnern große Freude und förderten ihre Kommunikationsbereitschaft – unabhängig davon, ob sie Fragen eines Quiz beantworten, Wortketten erstellen oder verdeckte Buchstaben finden mussten: „Die Bewohner erfahren unglaublich viel Anerkennung und Wertschätzung. Sie erleben im höchsten Maße Freude und Gemeinschaft“, betont daher Ines Jesse, Einrichtungsleiterin im Domicil Seniorenpflegeheim, in dem die Pilotstudie durchgeführt wurde. 

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Hintergrundinformationen

Studiendesign: Die qualitative Datenerhebung erfolgte in Form einer strukturierten Beo-bachtung zur Erfassung der Aktivität/Teilhabe. Über die Beobachtungsprotokolle hinaus wurden Dokumentenanalysen (z.B. Pflegedokumentation) und Leitfadeninterviews mit Mitarbeitern ausgewertet. Ergänzend erfolgte eine quantitative Datenauswertung anhand der Vorher/Nachher Beurteilung festgelegter Zielkriterien mittels validierter und standardisierter Erhebungsinstrumente wie dem Neuropsychiatrischen Inventar NPI zur Messung von Verhal-tensauffälligkeiten und dem QoL-AD zur Messung von Lebensqualität. 

Das Gemeinschaftsprojekt startete im Februar 2013. Das Forscherteam führte bei 14 Bewohnerinnen und Bewohnern im Alter von Mitte 70 bis 100 Jahren mit diagnostizierter Demenz, bei mittlerem und fortgeschrittenem Mini-Mental-Status aus verschiedenen sozialen Schichten und mit unterschiedlichem Bildungshintergrund an drei Tagen in der Woche jeweils fünf bis sechs Einzelaktivierungen à 30 Minuten, sowie zusätzlich Gruppenaktivierungen durch. 

Insgesamt wurden im Rahmen des Pilotprojektes 200 Einzelaktivierungen bei Bewohnerinnen und Bewohnern mit stark fortgeschrittener Demenz durchgeführt. Darüber hinaus wurden mithilfe der Tablet-Technik 40 Gruppenaktivierungen bei demenziell erkrankten Bewohnerinnen und Bewohnern mit weniger weit fortgeschrittener Demenz durchgeführt.