28. Januar 2013

Unternehmen verschlafen Bedarf von Pflegenden

ZQP-Umfrage: Nur wenige mittelständische Unternehmen planen Maßnahmen zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Pflege

Berlin, 28.01.2013. Die Personalpolitik deutscher Unternehmen ist häufig noch nicht auf den demografischen Wandel sowie die wachsende Zahl von Mitarbeitern eingestellt, die ihre Angehörigen pflegen. Dies zeigt eine repräsentative Umfrage des Zentrums für Qualität in der Pflege (ZQP), die das Forsa-Institut durchgeführt hat. Befragt wurden 200 Personalentscheider in mittelständischen Unternehmen ab einer Betriebsgröße von mehr als 50 Mitarbeitern. Mit 67 Prozent sehen etwa zwei Drittel der Personaler weder akuten noch zukünftigen Handlungsbedarf, pflegenden Angestellten die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu erleichtern. Damit scheint das Gros der Unternehmen noch nicht für den Unterstützungsbedarf von pflegenden Berufstätigen sensibilisiert.

Auffallend ist auch, dass die Vereinbarkeit von Kindererziehung und Berufstätigkeit nach wie vor stärker in der Personalpolitik der Unternehmen berücksichtigt wird. Während sich 80 Prozent der Entscheider bewusst sind, wie wichtig es für ihre Angestellten ist, Beruf und Familie zu vereinbaren, gibt nur jedes zweite Unternehmen an, sich auf die steigende Zahl von Angestellten mit pflegenden Angehörigen einzustellen. Schon heute pflegen bzw. unterstützen etwa 13 Prozent der Erwerbstätigen zwischen 40 und 65 Jahren in Vollzeit- oder Teilzeit eine pflege- und hilfebedürftige Person.

„Vor dem Hintergrund, dass immer mehr Erwerbstätige parallel zur Kindererziehung für ihre pflegebedürftigen Verwandten sorgen müssen, benötigen wir angesichts dieser Zahlen einen Bewusstseinswandel im Arbeitsumfeld. Wir brauchen tragfähige Lösungen, um Berufstätige zu entlasten, die mit Blick auf die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege schnell in eine Überforderungsspirale gelangen können“, so Dr. Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des ZQP.

Besonders der geringe Kenntnistand zum Pflegezeitgesetz verdeutlicht den hohen Informations- und Aufklärungsbedarf auf Unternehmensseite. Obwohl das Gesetz bereits vor vier Jahren in Kraft getreten ist, geben laut Studie nur etwa 16 Prozent der Personalchefs an, die gesetzlichen Details zu kennen. Noch weniger wissen die Entscheider zur Familienpflegezeit. Nur 9 Prozent der Personalchefs haben sich gemäß der Forsa-Befragung intensiv mit dem im Januar 2012 eingeführten Familienpflegezeitgesetz auseinandergesetzt.

Die Mehrheit der Studienteilnehmer sieht die Hauptverantwortung für die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege beim Arbeitnehmer. Ebenfalls deutlich mehr als die Hälfte weisen dem Staat die Verantwortung zu. „Diese Ergebnisse lassen aufhorchen. Denn die Aufgabe der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege lässt sich nicht auslagern. Auch Unternehmen müssen sich künftig den Herausforderungen der demografischen Entwicklung stellen und bei ihrer Personalplanung die Bedürfnisse pflegender Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einbeziehen“, so Suhr.

Methoden und Vorgehensweise

Im Zuge der Beratungen des Anfang 2012 in Kraft getretenen Gesetzes zur Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, führte das ZQP im Oktober 2012 in Zusammenarbeit mit der Forsa GmbH die erste repräsentative Befragung von mittelständischen Unternehmen in Deutschland (>50 Mitarbeiter) durch.

Bundesweit wurden Entscheider aus dem Personalbereich in Unternehmen mittels computergestützter Telefoninterviews (CATI) befragt. Die Stichprobengröße lag 2012 bei insgesamt 200 zufällig ausgewählten Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen wie das verarbeitende Gewerbe, Handel, Gesundheits- und Sozialwesen und sonstige Dienstleistungen.

Die Stichprobenziehung basierte auf einer zufallsgesteuerten Auswahl von Unternehmen mit mehr als 50 Mitarbeitern in den oben genannten Branchen.

Das Pflegezeitgesetz

Das Gesetz wurde als Artikel 3 des Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes vom 28.5.2008 vom Bundestag beschlossen. Arbeitnehmern wird ermöglicht, für einen Zeitraum von bis zu zehn Arbeitstagen fernzubleiben, um sich um einen pflegebedürftigen Angehörigen in einer akut aufgetretenen Pflegesituation zu kümmern (kurzzeitige Arbeitsverhinderung). Es besteht Rechtsanspruch auf Freistellung bis zu 6 Monaten zur Pflege eines nahen Angehörigen. Der Freistellungsanspruch besteht nicht gegenüber Arbeitgebern mit 15 oder weniger Beschäftigten. Durch die Pflegeversicherung werden ggfs. Beiträge bzw. Zuschüsse zur Arbeitslosen-, Kranken- und Pflegeversicherung gezahlt.

Familienpflegezeitgesetz

Das Familienpflegezeitgesetz trat am 1. Januar 2012 in Kraft. Arbeitnehmern wird die Versorgung pflegebedürftiger Angehöriger in häuslicher Umgebung über einen Zeitraum von bis zu zwei Jahren ermöglicht bei gleichzeitigem Erhalt ihrer finanziellen Absicherung und ihres Arbeitsplatzes. Die Untergrenze des Beschäftigungsumfangs beträgt 15 Stunden. Die Finanzierung erfolgt über Zeitwertkonten: Wird die Arbeitszeit in der Pflegephase z.B. von 100 auf 50 Prozent reduziert, erhalten die Beschäftigten weiterhin 75 Prozent des letzten Bruttoeinkommens. Zum Ausgleich müssen sie später wieder voll arbeiten, bekommen aber weiterhin nur 75 Prozent des Gehalts. Der Beschäftigte, der die Familienpflegezeit in Anspruch nimmt, muss dazu eine Ausfallversicherung abschließen. In der betrieblichen Praxis soll sich die Familienpflegezeit am Modell der Altersteilzeit orientieren.

Hintergrund

Laut aktueller Pflegestatistik (2011)  werden über 1,7 Millionen Pflegebedürftige und damit etwa 70 Prozent aller pflegebedürftigen Menschen in Deutschland  im häuslichen Umfeld gepflegt und davon 1,18 Millionen ausschließlich von pflegenden Angehörigen. Auf die häusliche Pflege entfallen pro Woche durchschnittlich 37 Stunden. Berufstätige, die ihre Angehörigen pflegen, haben damit zwei Vollzeitjobs parallel zu bewältigen.

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