Dieses Interview ist ein Auszug aus dem Fachmagazin ZQP diskurs 2026. Das Magazin bietet ein fachliches Panorama relevanter Themen rund um die Versorgung pflegebedürftiger Menschen und kann kostenfrei heruntergeladen werden.
Warum sind pflegende Angehörige das Titelthema dieses Heftes?
Weil Angehörige die zentrale emotionale und praktische Ressource für die meisten pflegebedürftigen Menschen in Deutschland sind: oft unersetzlich im konkreten Fall, darüber hinaus das Rückgrat unseres Pflegesystems und für unser Gesundheitswesen insgesamt hochrelevant. Ohne sie wäre ein Systemabsturz unvermeidlich.
Sind pflegende Angehörige also Akteure im Gesundheitswesen?
Sie begleiten zum Arzt und in die Klinik, erklären Diagnosen und Therapieansätze, koordinieren die ambulante Pflege und helfen zum Teil im Pflegeheim mit. Sie unterstützen bei der Medikation und bemühen sich um Adhärenz allgemein – und vieles mehr. Sie sind auch schlicht oft die ersten Ansprechpartner für die Gesundheitsberufe, wenn es darum geht, etwas Wichtiges über den Patienten zu erfahren. Wir haben es zum Teil mit echten Spezialisten für die individuelle Gesundheitssituation der pflegebedürftigen Person zu tun. Davon können die Versorgungsprofis, die mit dem individuellen Patienten vielleicht erst- oder einmalig in Berührung kommen, sehr profitieren. Und ganz ehrlich: Wie viele Fehler in der Versorgung wären schon passiert, wenn nicht Angehörige „Moment mal!“ gesagt hätten.
Aber Angehörige machen ja auch nicht alles richtig.
Ja, genau. Jeder macht Fehler, nicht alle sind gleich kompetent, nicht alle sind gleich nett, nicht alle haben gerade einen guten Tag. Das gilt für die Angehörigen wie für Profis. Es spricht also alles dafür, pflegenden Angehörigen positiv gegenüberzutreten und erst mal genau hinzuhören, welches Wissen und welche Kompetenzen sie einbringen. Denn sie sind eben oft die „Outcome-Partner“ der Profis. Es ist klug, ihnen auch so zu begegnen – schon im Sinne des Patienten.
„Pflegende Angehörige sind oft auch „Outcome-Partner“ für die Profis.“
Ist das alles nicht zu viel Verantwortung für Angehörige?
Pflegeverantwortung kann auf jeden Fall sehr anstrengend und definitiv zu viel werden. Die Studienlage zeigt insgesamt, dass pflegende Angehörige, als Gruppe betrachtet, ein erhöhtes Risiko für psychische und physische Überlastung und Gesundheitsprobleme haben. Und es gibt bestimmte Konstellationen, die dies verstärken oder abmildern können. Forschungsergebnisse zeigen aber auch, dass viele pflegende Angehörige positive Erfahrungen in der Pflege machen, dass die Pflege ihnen etwas gibt – beispielsweise die Beziehung zu der pflegebedürftigen Person vertieft. Es gibt im Übrigen auch Menschen, die stark in eine Pflegesituation eingebunden sind und sich dabei nicht besonders belastet fühlen. Also Vorsicht vor Klischees. Die individuelle Konstellation sollte jeweils differenziert betrachtet werden.
Was heißt das konkret?
Wichtig ist, die verschiedenen Ebenen einer Pflegekonstellation zu verstehen und mittels Screenings und Assessments einzuschätzen, wie stabil die Situation ist, welche Unterstützungsbedarfe genau bestehen und wie man diese konkret adressieren kann. Denn: Vergleichbare Anforderungen führen bei unterschiedlichen Menschen zu unterschiedlichen Belastungsfolgen. Die individuellen Ressourcen, nicht zuletzt die Resilienz, von pflegenden Angehörigen haben einen wichtigen Einfluss darauf, ob die Situation in der Balance bleibt. Darum stellen wir als ZQP ja zum Beispiel auch das Screening-Instrument FARBE für die professionelle Beratung Angehöriger zur Verfügung.
Was gefährdet denn eine solche Balance?
Es wirken immer verschiedene Faktoren zusammen. Etwa eine lang andauernde Pflegesituation mit hoher Intensität oder eine Erkrankung, die den Umgang mit der pflegebedürftigen Person sehr schwierig macht. Auch sind Vereinbarkeitskonflikte von der Pflegenden-Rolle mit anderen Rollen und Aufgaben, ständiges Verschieben eigener Bedürfnisse und Pläne sowie die Vernachlässigung von sozialen Kontakten gefährdende Faktoren. Dabei sind viele pflegende Angehörige selbst schon über 70. Aber wichtig ist auch: Es wäre ein Irrtum, bei den Belastungsfaktoren nur an die Anstrengung durch Hilfeleistung zu denken. Eine Rolle spielt auch, wie sehr die Situation gedanklich sowie emotional bindet und dadurch stresst – selbst wenn man praktisch gerade gar nicht unmittelbar involviert ist.
„Die Resilienz pflegender Angehöriger hat wichtigen Einfluss darauf, ob die Situation in Balance bleibt.“
Das Thema hängt dann ständig über den Angehörigen?
Genau, denn es geht dabei auch um schwierige Themen: um eine Lebenssituation von nahestehenden Menschen, in der diese eventuell leiden, sich einsam fühlen, frustriert oder gar lebensmüde sind. Das muss man dann alles aushalten. Und es geht um Vergänglichkeit – sowohl um die des eng verbundenen Menschen als auch um die eigene. Sterben und Tod werden immer gegenwärtiger. Damit können eigene Herausforderungen, Sorgen und Ängste verbunden sein. Und da pflegende Angehörige oft in der Rolle der zentralen Ansprechpartner und Schutzpersonen sind, wird auch viel Verantwortung von ihnen rund um den Versorgungsprozess am Lebensende der pflegebedürftigen Person abverlangt – zum Teil bis in die letzten Stunden und Minuten.
Es braucht also den stärkeren Einsatz professioneller Pflege zur Entlastung?
Das klingt gut. Aber abgesehen davon, ob das von den Menschen gewünscht ist, stellt sich die Frage: Wie? Der bereits bestehende Mangel an Pflegefachpersonen wird sich absehbar ausweiten, die Zahl Pflegebedürftiger weiter steigen. Wir müssen also effizienter werden im System, ohne an Menschlichkeit zu verlieren. Ein Aspekt dabei ist auch, Potenziale der Digitalisierung, von KI umfassend zu nutzen. Gleichzeitig bedarf es wirksamer Interventionen der Prävention von und bei Pflegebedürftigkeit, auch um die Versorgungsbedarfe so niedrig wie möglich zu halten. Dies setzt allerdings eine echte Reformbereitschaft in Bezug auf das Gesundheitssystem voraus.