Interview

„Eine Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis“

Prof. Dr. Edgar Franke folgt Christa Stewens als Stiftungsratsvorsitzender des ZQP nach. Er ist Jurist, Gründungsrektor und Professor an der Hochschule der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung in Bad Hersfeld sowie Autor zahlreicher sozial- und rechtswissenschaftlicher Beiträge. Der pragmatische Sozialdemokrat und Gesundheitsexperte engagiert sich seit über vier Jahrzehnten kommunalpolitisch. Er übte dabei zahlreiche Ämter aus – so war er auch zehn Jahre lang Bürgermeister der Stadt Gudensberg in Nordhessen, ehe er 2009 in den Bundestag gewählt wurde. Dort war er unter anderem Vorsitzender des Gesundheitsausschusses, Opferbeauftragter der Bundesregierung und von 2021 bis 2025 Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesminister für Gesundheit.

Dieses Interview ist ein Auszug aus dem Fachmagazin ZQP diskurs 2026. Das Magazin bietet ein fachliches Panorama relevanter Themen rund um die Versorgung pflegebedürftiger Menschen und kann kostenfrei heruntergeladen werden.

Warum engagieren Sie sich zukünftig als neuer Vorsitzender des Stiftungsrats im ZQP?

Das ZQP hat mich nach den vielen Jahren in der Gesundheitspolitik aus mehreren Gründen gereizt: Zum einen, weil die gemeinnützige Fachstiftung an einem wichtigen Punkt ansetzt, nämlich die konkrete Verbesserung der Versorgung von pflegebedürftigen Menschen und die Unterstützung ihrer Angehörigen. Es geht nicht um abstrakte Projekte jenseits der aktuellen Versorgungsrealität, sondern um praktische Fragen, zum Beispiel: Wie kann gute Pflege gelingen? Wie kann Prävention gestärkt und wie können Pflegekräfte unterstützt werden? Das ZQP macht eine wissenschaftlich unabhängige, fundierte und zugleich praxisnahe Arbeit. Darüber hinaus reizt es mich, meine langjährigen beruflichen Erfahrungen einzubringen, gerade bei einer Organisation, die evidenzbasiert arbeitet, aber auch gesellschaftliche und politische Dimensionen im Blick hat.

Was gefällt Ihnen an der Ausrichtung und der Arbeitsweise des ZQP?

Für mich ist vor allem die unabhängige politische Ausrichtung des ZQP von großer Bedeutung. Die Stiftung arbeitet nicht im politischen Tagesgeschäft, sondern mit langfristigen Vernetzungen der Akteure aus Wissenschaft, Praxis und Politik, und schafft eine Brücke zwischen den verschiedenen Ebenen und eine Brücke zwischen Erkenntnis und Umsetzung. Die Projekte sind transparent und praxisnah und tragen dazu bei, Pflege sicherer und professioneller zu gestalten. Die Verbindung von Forschung, Aufklärung und fachlicher Unterstützung in der Stiftungsarbeit ist von unschätzbarem Wert. Deshalb genießt das ZQP nach meiner Wahrnehmung diese breite Anerkennung.

„Die Verbindung der Stiftungsarbeit aus Forschung, Aufklärung und fachlicher Unterstützung hat einen unschätzbaren Wert.“

Pflege ist mittlerweile so ein zentrales Thema, hätten Sie das zu Beginn Ihres Berufslebens geglaubt?

Ich habe als junger Zivildienstleistender bei der mobilen Altenhilfe in Kassel erfahren, was Pflege bedeutet. Dass sie mitunter körperlich und emotional sehr anstrengend und herausfordernd sein kann, aber zugleich auch zutiefst menschlich und vor allem zutiefst sinnstiftend. Diese Erlebnisse haben meinen Blick auf die Pflege bis heute mitgeprägt, ohne damals als junger Mann erkannt zu haben, welche gravierenden Auswirkungen das Thema einmal haben könnte. Generell haben wir in Deutschland lange unterschätzt, wie stark die demografische Entwicklung unsere Gesellschaft verändert und wie sehr die Pflege davon betroffen ist.

Pflegebedürftigkeit, Angehörige, professionell Pflegende – welche Gedanken haben Sie da?

Vor allem denke ich an meine Zeit als Bürgermeister im nordhessischen Gudensberg. Als Verwaltungschef habe ich damals Anfang der 2000er-Jahre mit der Nachbarstadt Niedenstein eine gemeinsame mobile kommunale Krankenpflegestation aufgebaut. Diese war in unserer Stadtverwaltung als Regiebetrieb integriert. Wenn nötig, sind die Pflegefachpersonen drei oder viermal am Tag rausgefahren, um die Familien zu unterstützen. Das Schlimmste für pflegebedürftige ältere Menschen ist die Herauslösung aus ihrem häuslichen Umfeld. Deshalb müssen wir versuchen, dort, wo die Strukturen es zulassen, die älteren Menschen in ihrem häuslichen Umfeld stärker zu unterstützen. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, den Fokus auf die pflegenden Angehörigen zu richten. Sie leisten eine unglaubliche Arbeit und tun gleichzeitig etwas für den sozialen Zusammenhalt der Familien und der Gesellschaft. Deshalb sollten wir diese Gruppe über die rentenrechtliche Ebene hinaus auch sozialrechtlich stärker unterstützen. Wir stehen jedoch vor der Frage, wie wir in Zukunft die Pflege im häuslich-ambulanten Bereich organisieren wollen – bei einer geringer werdenden Zahl an Angehörigen pro pflegebedürftiger Person, die zudem teilweise räumlich weit von den Pflegebedürftigen entfernt leben. Gleichzeitig wächst die Zahl von allein lebenden älteren Menschen, vor allem in den Städten. Das macht die Aufgabe nicht leichter.

In der Politik komme es nicht auf das Gutgemeinte, sondern auf das Gutgemachte an, sagten Sie einmal. Was wäre jetzt das Gutgemachte für die Pflege?

Wir hatten gerade die Debatte um den monatlichen pauschalen Entlastungsbetrag von 131 Euro, den Pflegebedürftige im Pflegegrad 1 bekommen, um etwa haushaltsnahe Dienstleistungen bezahlen zu können. Man sollte noch einmal abwägen, ob die Mittel nicht effizienter und gezielter verteilt werden könnten oder ob man konkrete Kriterien an diese knüpft. Das würde eben nicht zwangsläufig eine Verschlechterung der Unterstützung bedeuten, sondern zum Beispiel auch, dass mehr Mittel gezielter auf die Präventionsarbeit ausgerichtet werden könnten, wie etwa für wohnumfeldverbessernde Maßnahmen. Natürlich brauchen wir darüber hinaus perspektivisch Strukturreformen in der Pflege, um sie zukunftsfest zu machen. Dafür bedarf es aber nicht nur eines politischen, sondern auch eines umfassenden gesellschaftlichen Diskurses, um letztlich als Gesetzgeber entscheiden zu können, welchen Wert die Pflege für die Gesellschaft hat.

Was sind derzeit die größten Herausforderungen in den Kommunen beim Thema Pflegebedürftigkeit?

Wir müssen in den Kommunen verlässliche Strukturen schaffen, die ein selbstbestimmtes Leben im Alter ermöglichen. Dazu gehören barrierefreier Wohnraum sowie wohnortnahe Pflege- und Betreuungsangebote, also eine funktionierende pflegerische Versorgung vor Ort. Jede Kommune muss sich diesen Herausforderungen stellen und einsehen, dass es auch ihre originäre Aufgabe ist. Ich war seit den 1980er Jahren lange genug im Kreistag und in Kommunalparlamenten tätig. Ich weiß, die Kommunen ächzen alle unter den begrenzten finanziellen Handlungsmöglichkeiten angesichts der momentanen Rahmenbedingungen. Aber ich denke, es muss vor dem Hintergrund einer demografisch veränderten Gesellschaft noch mehr ins Bewusstsein der handelnden Personen kommen, dass eine gute pflegerische Versorgung wichtiger ist als irgendein Prestigeprojekt, mit dem man als Kommunalpolitiker vermeintlich glänzen kann.