Interview

„Wir müssen verstehen, wie KI Organisationen verändert“

Prof. Dr. Karin Wolf-Ostermann ist stellvertretende Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats des ZQP sowie Professorin für pflegewissenschaftliche Versorgungsforschung der Universität Bremen und Leiterin der gleichnamigen Abteilung am Institut für Public Health und Pflegeforschung (IPP). Sie ist Expertin für Digitalisierung und KI in der Pflege und stellvertretende Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats des ZQP.

Dieses Interview ist ein Auszug aus dem Fachmagazin ZQP diskurs 2026. Das Magazin bietet ein fachliches Panorama relevanter Themen rund um die Versorgung pflegebedürftiger Menschen und kann kostenfrei heruntergeladen werden.

Was hat bei künstlicher Intelligenz den Übergang vom Zukunftsthema zum planbaren Bestandteil in der Pflege ausgelöst?

Aus meiner Sicht ist das ein Zusammenspiel aus verschiedenen Dingen gewesen. Wir haben gesehen, dass viele Methoden, gerade im Bereich des maschinellen Lernens – denken Sie an Deep Learning oder „Large Language“-Modelle –, deutlich reifer geworden sind. Darüber hinaus stehen uns in einigen Bereichen wesentlich mehr digitale Gesundheitsdaten zur Verfügung. Ein wichtiger, öffentlich breit wahrgenommener Faktor war auch das Inkrafttreten des AI Act der EU im August 2024. Zudem gibt es globale Initiativen, zum Beispiel WHO-Initiativen, die diesen Übergang zu einer planbaren Versorgungsinnovation unterstützen.

Wo sehen Sie vordringlichen Forschungsbedarf?

Wir benötigen unbedingt mehr Forschung im Rahmen der Implementations- und Versorgungsforschung. In diesem Bereich liegen uns in Deutschland nur wenige hochwertige evidenzbasierte Erkenntnisse vor. Zudem lag der Fokus in vielen Studien bislang vor allem auf der Funktionalität oder Akzeptanz von KI. Wir müssen aber künftig besser verstehen, wie KI-Technologie Organisationen in der Pflege verändert und was wir daraus ableiten müssen, damit ihr Einsatz in der Praxis nachhaltig gelingt.

„Wir müssen aber künftig besser verstehen, wie KI-Technologie Organisationen in der Pflege verändert und was wir daraus ableiten müssen, damit ihr Einsatz in der Praxis nachhaltig gelingt.“

Was sind denn Strategien, damit dieser Transfer gelingt?

Zunächst sollte man alle Beteiligten an einen Tisch zu bringen. Man kann gar nicht früh genug anfangen, miteinander zu planen. Das läuft unter Begriffen wie Co-Creation, Co-Design und partizipative Entwicklung. Wichtig ist außerdem, den Nutzen für die Praxis sehr schnell klarzumachen. Hierfür bieten sich etwa kleine, gut begleitete Pilot-Projekte an, bei denen man schnell erste Erfolge sieht. Wenn die involvierten Fachpersonen keinen Mehrwert im Alltag sehen, wird sich keine KI-Anwendung auf Dauer durchsetzen. Und natürlich sind begleitende Fortbildungen für professionell Pflegende und Organisationsentwicklungen wichtig.

Was sind Herausforderungen auf Organisationsebene bei der KI-Einbindung?

Wir sehen etwa in unserem Projekt „TCALL“, dass die Einführung neuer Technologien auf allen personellen Ebenen frühzeitig angekündigt werden muss und dass es wichtig ist, die Endnutzer einzubinden und unterstützend zu begleiten. Bei den Pflegeprozessen wird darüber hinaus deutlich, dass dadurch auch Routinen verändert werden. Zudem müssen Anforderungen an Infrastruktur, Datenschutz und IT-Sicherheit frühzeitig geprüft werden. Daher ist aus meiner Sicht essenziell, dass ausreichend Zeit für Veränderungen eingeräumt wird.

Welche Kernkompetenzen sind zukünftig für Pflegefachpersonen unerlässlich?

Das sind aus meiner Sicht vor allem drei Kompetenzen. Erstens: Digital oder AI Literacy. Also mit anderen Worten, das Grundverständnis, was KI macht, wo ihre Grenzen liegen und wie man den Output bewertet. Zweitens: Datenkompetenz. Man muss zum Beispiel wissen, wie gut die Datenqualität ist, um das in Pflegeentscheidungen zu übersetzen. Drittens: Ethische Urteilsfähigkeit im Kontext. Es geht darum, das pflegerische Handeln mit der Technologie-Reflexion zu verbinden.

Stichwort Ethik: Wie kann sichergestellt werden, dass KI in der Pflege lediglich als Unterstützung dient, um menschliche Zuwendung zu ermöglichen, anstatt sie zu ersetzen?

Das hängt, wie bei jedem Werkzeug, davon ab, wie man es einsetzt. Wir nutzen den Fachbegriff „Human in the Loop“. Eine KI ist nur so klug wie der Input, den sie erhält und aus dem sie lernt. Durch die Interaktion mit Menschen kann sie überwacht und optimiert werden, sodass Teams aus Mensch und Maschine dann sehr erfolgreich sein können. Der Einsatz von KI-Systemen muss so erfolgen, dass sie einen Nutzen im Versorgungsalltag bringen und mehr Zeit für zwischenmenschliche Interaktion schaffen. Das passiert zum Beispiel, wenn der Dokumentationsaufwand sinkt oder durch kontinuierliches Monitoring. Klar ist, dass KI menschliche Zuwendung nicht ersetzen kann.