Dieses Interview ist ein Auszug aus dem Fachmagazin ZQP diskurs 2024. Das Magazin bietet ein fachliches Panorama relevanter Themen rund um die Versorgung pflegebedürftiger Menschen und kann kostenfrei heruntergeladen werden.
Frau Professorin Müller, wenn es um das Angebot und die mögliche Nutzung technischer Unterstützung für pflegebedürftige Personen geht, gibt es aus Ihrer Sicht positive Entwicklungen in den letzten Jahren und aktuelle Trends?
Aus Sicht der angewandten Pflegetechnologieforschung wird in den letzten Jahren ein recht großes Gewicht auf eine hohe Nutzer- und Praxisperspektive in Entwicklungsprojekten gelegt und Technik häufig als Teil eines soziotechnischen Systems konzipiert, das heißt als Element einer sozialen Unterstützungs- und Hilfestruktur – Stichwort „Pflegemix“. Die Bundesregierung fördert zurzeit unter anderem Forschungslinien, die eine soziotechnische Unterstützung von Sorgegemeinschaften verfolgen. Diese richten ein besonderes Augenmerk auf partizipative und kokreative Prozesse in der Gestaltung von Gesundheitstechnologien und werden teilweise durch Bürgerbeiräte unterstützt, um die Bedürfnisse von Pflegebedürftigen und pflegenden An- und Zugehörigen gut abzudecken.
Ebenso zeichnen sich immer stärkere Trends in der Technologieförderung ab, den Vertreterinnen und Vertretern der Praxis mehr Raum in den Forschungsprojekten zu geben. Es gibt einen zunehmenden Trend, Gestaltungsprojekte lokal in sogenannten Living Labs oder Innovation Hubs anzusiedeln, wo die Entwicklung von Designideen in Netzwerken und lokalen Austauschstrukturen mit verschiedenen an der Gestaltung zu beteiligenden Gruppen stattfinden kann. Auch geht der Trend dahin, langfristige Kooperationen mit Einrichtungen, Quartiersorganisationen, Unternehmen und Kommunen im Sinne lernender Regionen oder Organisationen aufzubauen. Dies sind Entwicklungen, die sehr zu begrüßen sind. Denn mit dem Einbringen einer neuen Technologie werden Aneignungsprozesse angestoßen, die Lernen und Auseinandersetzung ermöglichen, wodurch dann wiederum Feedback aus der realen Praxis in die Gestaltung zurückgegeben wird.
Auch verändern sich Versorgungsstrukturen der häuslichen Pflege. Neben dem klassischen Setting, in dem Ehepartner oder erwachsene Kinder die Pflege eines Angehörigen vor Ort gewährleisten, werden mit zunehmenden Einpersonenhaushalten und räumlich verteilten familiären Beziehungen zukünftig die Pflege im Quartiersbezug und über Distanz eine wichtige Rolle spielen. Hier treten dann Anwendungen wie Alarmierungssysteme und digitale Plattformen als wesentliche Unterstützungssysteme auf, um die Koordination und den Austausch online zu ermöglichen und zu stärken.
Welche Rolle spielt der Einsatz von künstlicher Intelligenz bei technischen Unterstützungssystemen für pflegebedürftige Menschen bisher und was erwarten Sie für die Zukunft?
Das Aufkommen von KI-Anwendungen wie Chat-GPT in diesem Jahr hat uns ein enormes Potenzial vor Augen geführt, das aber gleichzeitig mit hohen Risiken verbunden sein kann.
Das Potenzial von KI ist sicherlich, wie etwa bei sprachbasierten Systemen, dass durch Technologie neue Interaktionsformen ganz konkret möglich werden, die Menschen mit ihren ganz unterschiedlichen Fähigkeiten und Bedürfnissen zu unterstützen vermögen. Auch im Bereich des Gesundheitsmonitorings und der personalisierten, individuellen Unterstützung kann KI vielversprechend sein, zum Beispiel im Hinblick auf Erinnerungsfunktionen oder Aktivierung.
Entscheidende Faktoren werden allerdings sein, dass solche Systeme transparent und vertrauenswürdig sind und dass sie kulturelle Vielfalt berücksichtigen. Zudem sind ethische Aspekte zentral und brauchen jeweils situierte Abwägungen für die jeweilige Pflegesituation.
Für wie wichtig halten Sie die Förderung der digitalen und technischen Kompetenz bei älteren pflegebedürftigen Personen bzw. pflegenden Angehörigen, um die Nutzung technischer Unterstützungssysteme im häuslichen Umfeld zu steigern?
Solche Angebote sind ganz zentral, sowohl für pflegebedürftige Menschen als auch für die pflegenden An- und Zugehörigen, um einen sicheren Umgang mit den Anwendungen zu ermöglichen.
Während Hersteller verpflichtet sein sollten, die Lernförderlichkeit von Anwendungen zu garantieren, sind auch die Kommunen in der Pflicht, den Umgang mit digitalen Geräten als einen Aspekt der Daseinsvorsorge zu gewährleisten. Die Angebotslandschaft ist in Deutschland bereits recht groß, aber wir sind längst noch nicht an dem Punkt, der gleichwertige Zugänge zum Techniklernen für alle Menschen in Deutschland bietet. Besonders muss die zugehende Beratung ausgebaut werden. Dies ist eine wichtige Zukunftsaufgabe im Sinne quartiers- und wohnortnaher und niedrigschwelliger Konzepte.
Neben der Hinführung zur Nutzung möglicher Technologien und konkreter Nutzungsberatung – nicht nur im Zuge der Weiterentwicklung von KI-basierten Systemen – kommt besonders der Begleitung hinsichtlich ethischer Fragestellungen eine große Bedeutung zu. Denn der Einsatz digitaler Pflegetechnologien bedarf sehr häufig einer sehr sensiblen Abwägung zwischen Funktionalitäten der Überwachung einerseits und der Ermöglichung des Lebens mit Unterstützungsbedarf in der eigenen Wohnung mit hoher Selbstständigkeit und Autonomie andererseits. Je nach Unterstützungsbedarf und Pflegesituation ist diese Abwägung sehr behutsam mit den Menschen mit Pflegebedarf und den Personen des Unterstützungsnetzwerks zu treffen und auch immer wieder zu prüfen. Dafür braucht es ebenso gute Beratung und Begleitung.