Interview

„Unser zentrales Forschungsziel ist, die Versorgung zu verbessern“

Prof. Dr. Sascha Köpke ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des ZQP sowie Professor für klinische Pflegewissenschaft und als Leiter des Instituts für Pflegewissenschaft (IfP) auch Studiengangsleiter des dualen Bachelorstudiengangs Klinische Pflege und des Masterstudiengangs Advanced Nursing Practice an der Universität zu Köln.

Dieses Interview ist ein Auszug aus dem Fachmagazin ZQP diskurs 2026. Das Magazin bietet ein fachliches Panorama relevanter Themen rund um die Versorgung pflegebedürftiger Menschen und kann kostenfrei heruntergeladen werden.

Wie sind Sie Professor für Pflegewissenschaft geworden?

Eher zufällig: Während meiner Arbeit als Krankenpfleger auf einer Intensivstation in Glasgow wurde mir zum ersten Mal bewusst, welchen Wert wissenschaftliches Wissen für die Pflegepraxis haben kann. Dort wurde dieses Wissen in der täglichen Praxis tatsächlich geschätzt und genutzt. Hinzu kam, nach meiner Rückkehr, dass ich in meinem gesundheitswissenschaftlichen Lehramtsstudium mit Ingrid Mühlhauser eine wichtige Verfechterin für die evidenzbasierte Praxis in Deutschland als Professorin erleben durfte. Kolleginnen und Kollegen, vor allem Gabriele Meyer, wurden später wichtige Vorbilder, die meinen Weg zur Promotion und letztlich zur Professur entscheidend geprägt haben. Rückblickend war dieser Weg nicht geplant, aber wohl eine logische Folge meiner Faszination für eine wissenschaftlich fundierte Pflegepraxis.

Was sind die aktuellen Forschungsschwerpunkte des Instituts?

Unser zentrales Ziel ist die Verbesserung der Versorgung von Pflegebedürftigen in allen Pflegesettings, mit einem Schwerpunkt auf der Langzeitpflege. Besonders erwähnenswert ist derzeit das Projekt „PraWi-Lab“, das, in Kooperation mit der Uni Halle, den „Living Lab“-Ansatz umsetzt und an unser Vorgängerprojekt „PraWiDem“ anknüpft. Hier haben wir zusammen mit den Städtischen Seniorenheimen Krefeld einen engen Austausch zwischen Pflegepraxis und Wissenschaft etabliert. Wissenschaftliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind regelmäßig in der Praxis präsent, um gemeinsam mit den Pflegenden vor Ort Praxisfragestellungen zu identifizieren und gleichzeitig praxisnahe Forschung durchzuführen. Dieser kontinuierliche Dialog ist entscheidend, weil genau diese Schnittstelle bislang häufig fehlt. Darüber hinaus befassen wir uns weiter mit Themen wie der Prävention von Gewalt und der Förderung von Schlaf in der Langzeitpflege. Das Projekt „IntVeM“, das einen pflegegeleiteten Versorgungspfad für Menschen mit Krebs und migrationsbedingter Sprachbarriere untersucht, startete im November mit der Interventionsphase und wir erwarten, dass es möglich ist, auch für diese vulnerable Gruppe eine gute Versorgung zu erreichen.

„Besonders erwähnenswert ist derzeit das Projekt „PraWiLab“, das den „Living Lab“-Ansatz umsetzt.“

Warum ist das Thema Schlaf so bedeutsam?

Studien zeigen, dass Schlafstörungen bei Pflegebedürftigen häufig vorkommen und deutliche Auswirkungen auf deren Wohlbefinden und das Verhalten haben. Trotzdem hat das Thema in der pflegerischen Praxis bislang oft nur eine untergeordnete Bedeutung. Unsere Forschung hat belegt, dass sich Schlaf mit relativ einfachen pflegegeleiteten Maßnahmen verbessern lässt. Gemeinsam mit verschiedenen Partnern haben wir die Intervention „MoNoPol-Sleep“ entwickelt, die auf eine individuelle Anpassung von Pflege- und Umgebungsfaktoren abzielt und in Pflegeheimen den Schlaf von Bewohnerinnen und Bewohnern mit Demenz signifikant verbessern konnte. Aktuell planen wir eine größere Implementierungsstudie, um die Wirksamkeit im Versorgungsalltag zu prüfen. Auch für das Krankenhaus ist eine entsprechende Untersuchung in Vorbereitung.

Welche wissenschaftliche Publikation haben Sie zuletzt mit Gewinn gelesen?

Besonders beeindruckt hat mich die Wirksamkeitsstudie zur Intervention „Dreams Start“ aus Großbritannien. Sie richtet sich an pflegende Angehörige von Menschen mit Demenz, die zu Hause leben, und kombiniert Schulungseinheiten mit praktischen Strategien zur Schlafverbesserung. Die randomisierte Studie hat gezeigt, dass sich der Schlaf der betreuten Personen deutlich verbesserte, mit positiven Folgen für die Angehörigen selbst, etwa durch weniger Belastung und bessere Lebensqualität. Diese Studie hat mich begeistert, weil sie methodisch solide ist und zeigt, dass nicht medikamentöse Ansätze eine echte Alternative bieten und dabei die gezielte Unterstützung von Angehörigen hilfreich ist – ein Aspekt, der sich durchaus auf andere pflegerische Handlungsfelder übertragen lässt.

„Der kontinuierliche Dialog mit der Pflegepraxis ist entscheidend.“

Welche Veröffentlichung sollten alle Akteure in der Pflegepolitik unbedingt lesen?

Da fällt mir zum Beispiel das Gutachten des Sachverständigenrats Gesundheit von 2007 mit dem Titel „Kooperation und Verantwortung“ ein. Die im Untertitel versprochenen „Voraussetzungen einer zielorientierten Gesundheitsversorgung“ zeigten klar und nachvollziehbar auf Basis von Evidenz und internationalen Beispielen auf, wie interprofessionelle Versorgung die Herausforderungen des Gesundheitswesens bewältigen könnte. Als zentrales Element wurden hier die „reflective practitioners“ genannt, also unter anderem Pflegefachpersonen, die aufgrund ihrer (akademischen) Qualifikation auf Augenhöhe mit anderen Gesundheitsberufen zusammenarbeiten und evidenzbasiert, effizient und patientenzentriert handeln. Leider sind viele der damals formulierten Empfehlungen bis heute nicht umgesetzt worden. Daher lohnt vielleicht noch einmal der Blick in dieses visionäre Papier und die Reflexion, warum es nicht geklappt hat und ob und wie wir dies verändern könnten.