Vereinbarkeit von Beruf und Pflege

Angehörige tragen wesentlich zur Versorgung pflegebedürftiger Menschen in Deutschland bei. Ein großer Teil von ihnen ist gleichzeitig erwerbstätig. Erwerbstätigkeit und Pflege miteinander zu vereinbaren, kann erheblich herausfordern. Wie gut dies gelingt, hängt mit verschiedenen Faktoren zusammen.

Warum ist die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege relevant?

Die meisten pflegebedürftigen Menschen werden in Deutschland von Angehörigen versorgt, die mehrheitlich auch erwerbstätig sind. Gesellschaftlich ist ihr Einsatz zur Sicherstellung der pflegerischen Versorgung durch Stabilisierung von Pflegearrangements in Deutschland unverzichtbar. Damit erwerbstätige Angehörige Pflegeaufgaben tragfähig leisten können, ist eine gute Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Pflege eine wichtige Voraussetzung. Zudem ist der Erhalt ihrer Erwerbsbeteiligung wirtschaftlich bedeutsam. Dies gewinnt angesichts des demografischen Wandels, der steigenden Zahl pflegebedürftiger Menschen sowie des Fach- und Arbeitskräftemangels für Gesellschaft und Unternehmen weiter an Bedeutung.

Erwerbstätigkeit und Pflege gut vereinbaren zu können, hat auch auf individueller Ebene Relevanz: Denn entsprechende Rahmenbedingungen können helfen, die jeweiligen Herausforderungen besser zu bewältigen und Belastungen zu verringern. Dies kann sich unter anderem positiv auf die Gesundheit, die soziale Teilhabe und die wirtschaftliche Absicherung erwerbstätiger pflegender Angehöriger auswirken. Für pflegebedürftige Menschen kann eine gelungene Vereinbarkeit bedeuten, dass die meist wunschgemäße Versorgung im gewohnten häuslichen Umfeld ermöglicht wird.

Herausforderungen und Belastungen

Allgemein geht die Pflege von Angehörigen mit psychischen und physischen, aber auch organisatorischen und finanziellen Herausforderungen einher, die belastend sein können. Bei erwerbstätigen pflegenden Angehörigen ergeben sich diese insbesondere aus den parallelen, teilweise konfliktären Anforderungen von Erwerbstätigkeit und Pflege sowie der oft besonderen Bedeutung von Erwerbstätigkeit für Menschen generell. Verschiedene Studien zeigen, dass Schwierigkeiten bei der Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Pflege sowie damit verbundener Stress verbreitet sind. Als entsprechende Herausforderungen und Belastungsfaktoren erwerbstätiger pflegender Angehöriger werden in der Forschung beschrieben:

  • Zeitkonflikte, z. B. zwischen festen Arbeitszeiten und beruflichen Fristen einerseits sowie Wegzeiten, Arztterminen, Behördengängen oder kurzfristiger Unterstützung der pflegebedürftigen Person andererseits, eingeschränkte Planbarkeit des Alltags
  • arbeitsplatzbezogene Belastungen und berufliche Einschränkungen, z. B. Zuspätkommen, Fehlzeiten, verminderte Produktivität, Arbeitszeitreduzierung, eingeschränkte berufliche Entwicklungsmöglichkeiten, Verzicht auf Fort- und Weiterbildungen
  • familienbezogene Belastungen durch gleichzeitige Anforderungen von Beruf, Pflege und Familie, insbesondere wenn Kinder betreut oder weitere Angehörige unterstützt werden (Sandwich-Pflegepersonen)
  • Einkommens-/Renteneinbußen und finanzielle Belastungen, z. B. infolge einer Reduzierung der Arbeitszeit oder Aufgabe der Erwerbstätigkeit sowie durch zusätzliche pflegebedingte Ausgaben
  • eingeschränkte Erholung und Teilhabe, z. B. weil wenig Zeit für soziale Kontakte, private Interessen, Schlaf und Regeneration bleibt
  • emotionale Belastungen, Rollenkonflikte, Schuldgefühle oder Überforderung, z. B. durch Sorgen um die pflegebedürftige Person während der Arbeitszeit oder das Gefühl, beruflichen, pflegerischen oder familiären Anforderungen nicht ausreichend gerecht zu werden
  • erschwerte Koordination und Organisation, z. B. Abstimmung mit dem Pflegedienst, Ärzten und Ärztinnen, Therapeuten und Therapeutinnen, Behörden, anderen Angehörigen

Der Umgang mit Herausforderungen und das Belastungsempfinden pflegender Angehöriger werden von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Dazu zählen insbesondere deren individuelle Resilienz, Art und Umfang der Pflege, die Gesundheit der pflegebedürftigen Person, die Unterstützung durch ein soziales Netzwerk, die Verfügbarkeit professioneller Unterstützungsangebote sowie die finanzielle Situation. Bei erwerbstätigen pflegenden Angehörigen sind zudem die Arbeitsbedingungen ein relevanter Einflussfaktor.

Wie ist die Situation erwerbstätiger pflegender Angehöriger?

Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema Vereinbarkeit von Beruf und Pflege haben sich in den letzten Jahren deutlich verbessert. Dennoch ist die Datenlage zu erwerbstätigen pflegenden Angehörigen in Deutschland begrenzt. Die verfügbaren Daten beruhen auf unterschiedlichen Grundlagen und Definitionen. Dennoch können einige fundierte Aussagen zur Situation erwerbstätiger pflegender Angehöriger getroffen werden.

Zur Anzahl erwerbstätiger pflegender Angehöriger gibt es keine Statistik. Laut den Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) aus dem Jahr 2021 kann von rund 7,1 Millionen pflegenden Angehörigen in Deutschland ausgegangen werden. Von diesen sind 5,5 Millionen im erwerbsfähigen Alter bis höchstens 65 Jahre. Den Analysen des SOEP sowie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WIdO) zufolge sind rund 60 Prozent der Hauptpflegepersonen in Deutschland erwerbstätig, also etwa 4,1 Millionen Menschen (Frauen: 2,3 Millionen, Männer: 1,8 Millionen) – und demnach die deutliche Mehrheit.

Laut Analysen des SOEP lag der durchschnittliche Pflegeaufwand erwerbstätiger pflegender Angehöriger 2021 bei 11,8 Stunden pro Woche. Dabei wendeten deutlich mehr Frauen als Männer mindestens 10 Stunden wöchentlich für die Pflege auf. Zum Vergleich: Nicht erwerbstätige Pflegende wendeten im Schnitt 20,6 Stunden pro Woche für die Pflege auf.

Rund 75 Prozent der erwerbstätigen pflegenden Angehörigen leben nicht im selben Haushalt wie die pflegebedürftige Person. Etwa 20 Prozent von ihnen versorgen zusätzlich im eigenen Haushalt Kinder unter 16 Jahren. Viele erwerbstätige pflegende Angehörige sind sogenannte Distance Caregiver. Das heißt, sie wohnen mindestens 20 Minuten Wegzeit von der pflegebedürftigen Person entfernt.

Knapp zwei Drittel der erwerbstätigen pflegenden Angehörigen in Deutschland sind in Vollzeit beschäftigt, wobei der Anteil bei Männern mit 65,1 Prozent deutlich höher ist als bei Frauen mit 35,7 Prozent. Rund ein Drittel arbeitet in Teilzeit, überwiegend Frauen. Mehr als die Hälfte der Teilzeitbeschäftigten, ebenfalls mehrheitlich Frauen, gab an, ihre Arbeitszeit wegen der Pflegeaufgabe reduziert zu haben. Frauen im erwerbsfähigen Alter (von 40 bis 59 Jahren), die täglich oder mehr als 10 Stunden pro Woche pflegen, scheiden eher ganz aus dem Arbeitsleben aus als Personen mit geringeren oder keinen Pflegeaufgaben. Nach Auswertungen des WIdO aus dem Jahr 2024 haben 28 Prozent der nicht erwerbstätigen pflegenden Angehörigen ihre Erwerbstätigkeit zugunsten der Pflege vollständig aufgegeben.

Im Durchschnitt haben Erwerbstätige in Deutschland, die informell pflegen, rund 20 Prozent weniger Einkommen aus ihrer Erwerbsarbeit als nicht pflegende Erwerbstätige. Dies kann sich später auch negativ auf die Höhe der Rente auswirken. Vor allem Frauen sind hiervon betroffen, da sie häufiger und dabei länger sowie mit höherem zeitlichem Aufwand als Männer pflegen. Für jüngere Pflegende in Deutschland (bis 29 Jahre) wurden zudem Nachteile in Bezug auf Bildungs- und Berufswege ermittelt, die sich in der Folge ebenfalls finanziell nachteilig auswirken können.

Erwerbstätige pflegende Angehörige geben im Vergleich zu Erwerbstätigen, die nicht pflegen, häufiger gesundheitliche Probleme an. Dazu gehören Niedergeschlagenheit, Kopfschmerzen, Erschöpfung, Rücken- und Nackenschmerzen. Die Forschung zeigt, dass mit der Höhe der zeitlichen Einbindung in Pflege und Erwerbsarbeit die Selbstfürsorge sinkt, zum Beispiel hinsichtlich Sport, Freizeitaktivitäten, Vorsorgeuntersuchungen und weiteren Arztterminen.

Insgesamt haben pflegende Angehörige ein erhöhtes Risiko für Gesundheitsprobleme. Im Vergleich weisen erwerbstätige pflegende Angehörige aber keine schlechtere Gesundheit auf als nicht erwerbstätige pflegende Angehörige. In Teilbereichen sind sie sogar gesundheitlich stabiler. Erwerbstätigkeit kann dabei als Schutzfaktor wirken. Sie bietet Abgrenzung vom Pflegealltag, soziale Anerkennung, pflegeunabhängige Kontakte sowie finanzielle Sicherheit. SOEP-Daten weisen darauf hin, dass eine Erwerbstätigkeit von bis zu 20 Stunden pro Woche mit einer besseren psychischen Gesundheit und höheren Lebenszufriedenheit assoziiert ist im Vergleich zur ausschließlichen Pflegetätigkeit. Bei dem Vergleich ist allerdings zu berücksichtigen: Angehörige mit bereits stark eingeschränkter Gesundheit oder sehr hohem Pflegeaufwand ziehen sich häufiger ganz aus dem Erwerbsleben zurück.

Was kann zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Pflege beitragen?

Zur Frage, welche Voraussetzungen und Maßnahmen allgemein zu einer gelingenden Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Pflege beitragen, weist die wissenschaftliche Datenlage vornehmlich auf die Bereiche Arbeitsbedingungen, soziale Unterstützung und Inanspruchnahme formeller Hilfen hin.

Untersuchungen zu den Arbeitsbedingungen zeigen, dass insbesondere die verständnisvolle und flexible Unterstützung durch Vorgesetzte positiv mit der Bewältigung korreliert. Außerdem zeigen Befragungen unter pflegenden Beschäftigten, dass sich viele von ihnen vor allem flexible Arbeitszeiten wünschen.

Des Weiteren weisen Studien darauf hin, dass Unterstützung durch ein gutes soziales Netzwerk (z. B. Familie, Freunde, Nachbarschaft) ein entscheidender Faktor für gelingende Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Pflege ist.

Das gilt ebenfalls für professionelle Unterstützung: Die Nutzung von ambulanten Pflegediensten, Tagespflege und Haushaltshilfen reduziert die zeitliche Belastung der Angehörigen. Insbesondere bei hohem Pflegeaufwand (z. B. Hilfe bei körperbezogenen Verrichtungen) senkt externe Unterstützung die Wahrscheinlichkeit einer Arbeitszeitreduktion.

Rechtliche Ansprüche

Verschiedene gesetzliche Regelungen haben das Ziel, die Vereinbarkeit von Beruf und Pflege zu fördern. Gemäß dem Pflegezeitgesetz und dem Familienpflegezeitgesetz können sich Erwerbstätige zeitweise für Pflegeaufgaben von der Arbeit freistellen lassen. Zur finanziellen Absicherung kann bei längerer Freistellung ein zinsloses Darlehen beantragt werden. Zudem sieht die Pflegeversicherung verschiedene Unterstützungsangebote vor, zum Beispiel ambulante Pflege, Tagespflege und Haushaltshilfe.

Weitere Informationen zu rechtlichen Ansprüchen zur Vereinbarkeit von Beruf und Pflege bietet die Seite Wege zur Pflege des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ).

Wissen und Tipps für pflegende Angehörige zum Umgang mit pflegebedingten Belastungen finden Sie auf der ZQP-Themenseite Entlastung in der Pflege.

Belastbare Aussagen, inwieweit entsprechende Angebote zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Pflege wirksam sind, können nicht getroffen werden. Hinweise zur Nutzung geben Auswertungen des Deutschen Zentrums für Altersfragen (DZA). Demnach werden die Angebote eher wenig genutzt: 2023 gaben 21,8 Prozent der Befragten an, die gesetzlichen Arbeitszeitmaßnahmen wie die Familienpflegezeit nicht zu kennen. 16,4 Prozent sagten, sie hätten keinen Anspruch auf die Maßnahmen, 9,7 Prozent empfanden den bürokratischen Aufwand als zu hoch und 8,3 Prozent nannten Sorge vor beruflichen Nachteilen.

Auf gesetzlicher Grundlage wurde vom Bundesfamilienministerium ein Unabhängiger Beirat für die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf eingesetzt. Das Gremium legt alle 4 Jahre einen Bericht mit Handlungsempfehlungen zur Verbesserung der Situation erwerbstätiger pflegender Angehöriger vor.

Material zum Thema

Die Analyse aus dem Jahr 2018 liefert aus Unternehmensperspektive Hinweise zur Bedeutung der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege.

Titelseite der Broschüre „Vereinbarkeit von Beruf und Pflege“

Analyse

Vereinbarkeit von Beruf und Pflege

Zuletzt aktualisiert: 01.09.2026 Nächste vollständige Überarbeitung: 01.09.2031