Künstliche Intelligenz in der Pflege

Künstliche Intelligenz (KI) hält Einzug in die Pflege. Das Potenzial ist groß. Aber viele Praktiker stellen sich die Frage: Können KI-Instrumente heute schon systematisch, effizient, verantwortungsvoll und nachhaltig in der Langzeitpflege implementiert werden? Ein Einblick in Chancen und Herausforderungen.

Hinweis: Dieser Text ist eine bearbeitete Kurz-Version des Artikels im Fachmagazin ZQP diskurs 2026.

Welche Bedeutung hat KI in der Pflege?

Die Pflege in Deutschland steht vor großen Herausforderungen. In den kommenden Jahrzehnten wird die Zahl pflegebedürftiger Menschen in Deutschland auf schätzungsweise sieben Millionen steigen, während bis 2049 bis zu 690.000 Pflegekräfte fehlen könnten. Bereits heute sind Tausende Stellen unbesetzt. Gleichzeitig werden die Versorgungsbedarfe älterer pflegebedürftiger Menschen immer komplexer. Es stellt sich also die Frage, wie in Zukunft eine sichere und gute pflegerische Versorgung gewährleistet werden kann.

Vor diesem Hintergrund rückt künstliche Intelligenz (KI) als ein möglicher Lösungsansatz in den Fokus. KI verfügt über das Potenzial, das Gesundheitssystem in Deutschland in bestimmten Bereichen zu entlasten. Die Integration von KI-Anwendungen könnte die Arbeitsteilung zwischen menschlichen Fachkräften und Technologie verändern – und beeinflussen, wie Diagnosen getroffen, Behandlungen durchgeführt und Abläufe strukturiert werden.

Was sind KI-Anwendungen im Gesundheitswesen?

Derzeit existiert keine generelle, allgemein anerkannte Klassifikation von gesundheits- oder pflegespezifischen KI-Teilgebieten. Ansatzpunkte für KI-Anwendungen finden sich jedoch in allen Bereichen der Gesundheitsversorgung. Weltweit werden diverse KI-Systeme in der Medizin sowie in der Pflege konzipiert und erprobt. Im deutschen Gesundheitswesen erfolgt der Einsatz von KI-Anwendungen noch nicht flächendeckend, sondern vor allem in Bereichen, in denen eine hohe Verfügbarkeit standardisierter digitaler Daten gegeben ist, etwa in der Radiologie und administrativen Prozessen.

Was ist zu KI-Anwendungen in der Pflege bekannt?

Das Tempo des technologischen Fortschritts übertrifft oft die Entwicklung regulatorischer Rahmenbedingungen, wodurch aktuell eine Diskrepanz zwischen den Möglichkeiten der KI und ihrer praktischen Umsetzung in der Pflege entsteht. Dennoch zeigt sich, dass KI zunehmend Teil des (Arbeits-)Alltags wird – auch in der Pflege. Dies erfolgt aber nicht immer im Rahmen klar definierter Strategien oder geordneter Implementierungsprozesse, sondern auch durch die individuelle Nutzung von KI-Anwendungen wie Chatbots im persönlichen oder beruflichen Kontext.

Der Wissensstand zur Wirksamkeit und Eignung von KI-Anwendungen in der Pflege – insbesondere zu langfristigen Auswirkungen sowie zu den Auswirkungen in der realen Versorgungspraxis – ist noch dürftig. Wenngleich weiterer Forschungsbedarf besteht, zeigen vorhandene Studien und Erfahrungen bereits, dass sowohl in ambulanten als auch stationären Settings Potenziale vorhanden sind. Entsprechend zeichnet sich ab, dass KI in der Pflege unter anderem dazu beitragen kann, die Kommunikation zu verbessern, Effizienz und Genauigkeit zu erhöhen, Fehler zu reduzieren – und damit letztlich auf verschiedenen Ebenen eine gute pflegerische Versorgung unterstützen kann.

KI wird zunehmend Teil des (Arbeits-)Alltags – aber nicht immer im Rahmen klar definierter Strategien.

Wie kann KI zur Entlastung im Arbeitsalltag beitragen?

Im Arbeitsalltag professionell Pflegender zeigen sich mehrere zentrale Einsatzfelder, in denen KI einen Beitrag zur Entlastung beisteuern kann. Dazu zählt zunächst die Automatisierung routinemäßiger und administrativer Tätigkeiten. KI-Systeme können dabei komplexe Assistenzfunktionen übernehmen, beispielsweise als virtuelle Pflegeassistenten. Diese überwachen den Gesundheitsstatus pflegebedürftiger Personen, erfassen mittels sprachgestützter Dokumentation Informationen und bereiten all diese Daten strukturiert für professionell Pflegende auf. Darüber hinaus können KI-Anwendungen zur Optimierung von Arbeitsabläufen und im Management eingesetzt werden, etwa bei der Personal- und Tourenplanung, Ressourcenzuweisung und Kommunikation im Team.

KI-Instrumente können professionell Pflegende zudem bei der Entscheidungsfindung beziehungsweise -absicherung im Arbeitsalltag unterstützen. Entsprechend werden hektisches Blättern in veralteten Lehrbüchern oder schnelles „Googeln“ von mehr oder weniger fachlichen Informationen, um eigene Einschätzungen unter Zeitdruck bei Unsicherheit zu validieren, vermutlich aussterben. Denn KI-Dienste werden in der Regel schnellere und im Schnitt wohl auch deutlich bessere Ergebnisse liefern können – über Sprachgrenzen hinweg.

Entsprechend ist die KI-Nutzung in Pflegeorganisationen vermutlich schon ein relativ breites Phänomen – nur vielleicht nicht immer ganz offiziell. Aktuelle Zahlen einer deutschlandweiten Befragung des ZQP unter 1.000 Leitungskräften von ambulanten Pflegediensten ergeben: Die Mehrheit der Teilnehmenden geht von einem Nutzen der Digitalisierung – inklusive KI-Einsatz und Robotik – für die ambulante Pflege in den nächsten Jahren aus. 36 Prozent der Befragten berichten, dass sie KI-unterstützte Programme für die schriftliche Kommunikation im dienstlichen Zusammenhang nutzen. Rund ein Drittel gibt an, solche KI-Dienste zurate zu ziehen, um fachliche Fragen für den Berufsalltag zu klären.

Zentrale Begriffe

Künstliche Intelligenz (KI) ist ein Sammelbegriff für Verfahren, Methoden und Algorithmen, die mittels Daten lernen und darauf aufbauend intelligente, zielorientierte Handlungen ermöglichen. Eine Teildisziplin der KI ist Maschinelles Lernen.

Eine besonders leistungsfähige Unterform davon ist das sogenannte Deep Learning. Große Sprachmodelle (engl.: Large Language Models, kurz: LLM) wie ChatGPT sind typische „Deep Learning“-Anwendungen.

Komplexe Systeme wie LLMs werden oft als Blackbox bezeichnet: Die Entscheidungspfade innerhalb der Anwendungen sind meist so undurchsichtig, dass Anwenderinnen und Anwender die genauen Gründe für ein Ergebnis nicht nachvollziehen können.

Um diesem Mangel an Transparenz entgegenzuwirken, ist das Forschungsfeld der Erklärbaren künstlichen Intelligenz (engl.: Explainable Artificial Intelligence, kurz: XAI) von großer Bedeutung. XAI entwickelt Methoden, um etwa die Funktionsweise, die Ergebnisse und die potenziellen Fehler von KI-Modellen nachvollziehbarer zu machen.

Wie kann KI Prävention und Sicherheit in der Pflege stärken?

Neben Potenzialen zur Entlastung im Arbeitsalltag bieten sich auch Ansätze zur Stärkung von Prävention und Sicherheit in der Pflege. KI-gestützte Monitoring-Systeme, die auf Sensoren und Wearables (tragbaren Geräten) wie Uhren, Hörgeräten oder Pflastern basieren, können ein kontinuierliches Sicherheitsnetz für pflegebedürftige Menschen in verschiedenen Settings schaffen. Sie können in Echtzeit Gesundheitsdaten erfassen, analysieren sowie Abweichungen erkennen und es Pflegefachpersonen dadurch ermöglichen, relevante Veränderungen frühzeitig zu erkennen und einzugreifen. So unterstützen sie wichtige Präventionsbereiche, wie die Medikationssicherheit sowie Sturz- und Dekubitusprophylaxe, selbst über räumliche Distanz hinweg.

KI bietet das Potenzial, gute, sichere Versorgung zu unterstützen und professionell Pflegende zu entlasten.

Zudem können KI-Anwendungen die Entwicklung und Bereitstellung gezielter Pflege- und Präventionsmaßnahmen stärken. Indem sie umfangreiche Datensätze verarbeiten, können sie auf dieser Basis beispielsweise Krankheitsverläufe präziser vorhersagen. Pflegebedürftige Menschen profitieren dadurch von einer individueller auf sie zugeschnittenen Versorgung.

Ein zentraler Aspekt in der Versorgung pflegebedürftiger Personen, der dringend weiter gestärkt werden muss, ist die Pflegesicherheit. Auch hier gibt es verschiedene Ansatzpunkte für KI: Ein Beispiel ist die Prävention sogenannter kritischer Ereignisse. Zu den Faktoren, die kritische Ereignisse begünstigen können, zählen unter anderem ungenügende Kommunikation, fehlendes Wissen, Unachtsamkeit und Zeitdruck. Die beschriebenen Potenziale von KI-Technologien zur zeitlichen Entlastung professionell Pflegender, zur Optimierung von Arbeitsabläufen und in der Informationsweitergabe bieten damit die zusätzliche Chance, auch ein höheres Maß an Pflegesicherheit in der Praxis zu fördern.

Ein weiterer Aspekt, der hierzu beitragen kann, ist die Integration von KI in digitale Berichts- und Lernsysteme (Critical Incident Reporting Systems, CIRS). KI-gesteuerte Analysen von CIRS-Daten können Organisationen dabei unterstützen, Risiken präzise zu identifizieren und gezielte Interventionen zur Risikominimierung zu entwickeln.

Wie kann KI die Autonomie und Teilhabe pflegebedürftiger Menschen unterstützen?

KI-Anwendungen können pflegebedürftigen Menschen darüber hinaus Möglichkeiten zu mehr Autonomie und Teilhabe eröffnen. KI-gestützte Ambient-Assisted-Living(AAL)-Technologien und robotische Systeme sowie bereits genannte Technologien wie Sturzsensoren, die automatisch Auffälligkeiten erkennen und im Ernstfall Notrufe absetzen, können hierzu Voraussetzungen schaffen.

Weitere Chancen ergeben sich durch den Abbau räumlicher Distanzen – etwa durch virtuelle Präsenz von Fachpersonen und Angehörigen – sowie durch eine stärkere digitale Vernetzung von Menschen mit Pflegebedarf und allen an der Versorgung Beteiligten. So kann beispielsweise durch KI-gestützte virtuelle Gesundheitsassistenten oder Chatbots der Zugang zu Versorgungsleistungen für ältere pflegebedürftige Menschen, insbesondere mit Mobilitätseinschränkungen, verbessert werden. Nicht zuletzt kann der Einsatz von KI auch pflegende Angehörige entlasten – sei es indirekt durch die genannten Unterstützungspotenziale für Fachpersonen und pflegebedürftige Personen oder direkt durch Hilfestellungen bei Entscheidungen und organisatorischen Prozessen.

Welche Einsatzmöglichkeiten für KI gibt in der Aus- und Fortbildung?

Neben den Anwendungsgebieten im (Arbeits-)Alltag kann KI auch in der Aus- und Fortbildung professionell Pflegender zum Einsatz kommen. Einsatzfelder sind hierbei etwa personalisierte und interaktive Wissensvermittlung sowie authentische, komplexe und gleichzeitig risikofreie Praxissimulationen. KI kann – innerhalb eines didaktisch fundierten Konzepts – das Verständnis professionell Pflegender für komplexe Sachverhalte fördern und ihre Kommunikationsfähigkeit stärken. Auch Lehrende können von KI profitieren, etwa bei der Entwicklung von Lehrmaterialien. Die direkten positiven Auswirkungen von KI-Anwendungen in diesem Bereich liegen in der Verbesserung der Lehr- und Lernprozesse, was wiederum zu einer indirekten Stärkung der Pflegepraxis und letztlich ebenfalls zu einer besseren Versorgung für pflegebedürftige Menschen führen kann.

Welche Rolle spielt KI bei der Cybersicherheit?

Mit dem Einsatz neuer Technologien entstehen gleichzeitig auch neue Sicherheitsfragen.

KI-Systeme können zu einer verbesserten Cybersicherheit in der Pflege beitragen, beispielsweise indem sie Pflegeeinrichtungen dabei unterstützen, Cyberangriffen adäquatere Sicherheitsmaßnahmen entgegenzustellen. Damit ermöglichen sie eine schnellere und flexiblere Reaktion auf Cyberbedrohungen und helfen dabei, den Schutz sensibler Gesundheitsdaten und die Funktionalität der Versorgung abzusichern.

Auch im privaten Umfeld kann KI die digitale Sicherheit stärken. Pflegebedürftige Personen sind gefährdet, Opfer von finanzieller Ausbeutung zu werden. KI-Systeme können zur Erkennung und Eindämmung von finanzieller Ausbeutung älterer Menschen eingesetzt werden und diese Zielgruppe vor zunehmend ausgeklügelten Betrugsversuchen schützen.

Was sind weitere Einsatzfelder für KI?

Neben den hier dargestellten Optionen gibt es zahlreiche weitere Einsatzmöglichkeiten von KI in der Pflege, zum Beispiel zur physischen Entlastung professionell Pflegender (etwa durch KI-gestützte Assistenzroboter) oder zur Unterstützung in der Forschung und bei der Entwicklung neuer Standards (etwa als Assistent zur Datenerhebung und -analyse). Es lässt sich absehen, dass KI in der Pflege weiter an Bedeutung gewinnen wird – wichtig ist, ihre Einsatzfelder kritisch zu prüfen und die damit einhergehenden Herausforderungen zu adressieren.

 

Welche Herausforderungen gibt es?

Die rasanten Fortschritte der letzten Jahre in der künstlichen Intelligenz gehen nicht nur mit vielfältigen Potenzialen, sondern auch mit zahlreichen Herausforderungen einher. Die Integration von KI in die Pflegepraxis stellt einen komplexen und ressourcenintensiven Prozess dar und ist untrennbar mit der Diskussion über ethische, soziale, technische und rechtliche Bedenken verbunden. Dazu zählen etwa Datenschutzrisiken, vor allem aufgrund der großen Mengen sensibler Daten, algorithmische Verzerrungen und mangelnde Transparenz in den Entscheidungsprozessen der KI-Technologien („Blackbox-Problem“).

Die Einbindung von KI in etablierte Abläufe ist ein komplexer und ressourcenintensiver Prozess.

Hinzu kommt Unsicherheit, wie die neuen KI-Instrumente und das gesamte Systemumfeld mit falschen und vorsätzlich manipulierten Daten umgehen. Nicht zuletzt im Bereich der Cybersicherheit ergeben sich neben neuen Chancen auch neue Risiken. Aber auch Fragen zur Verantwortlichkeit, insbesondere bei Schädigungen von Betroffenen sowie zur Akzeptanz und Wahrung der zwischenmenschlichen Dimension in der Pflege, verunsichern viele.

Eine erfolgreiche und nachhaltige Einbindung von KI-Technologien in die Praxis umfasst unter anderem technische, organisationsbezogene und professionsbezogene Aspekte. Ein wichtiger Ansatz, um den genannten Herausforderungen zu begegnen, ist, die Perspektiven pflegebedürftiger Personen sowie professionell Pflegender und weiterer Anwendergruppen in die Entwicklung und Implementierung von KI-Technologien einzubinden. Zentral sind zudem die Qualifizierung und Weiterbildung professionell Pflegender im Umgang mit diesen Systemen. Dies beinhaltet neben der technischen Bedienung KI-gestützter Anwendungen auch die kritische Beurteilung der KI im jeweiligen Pflegekontext. Dabei sollte insbesondere der Schutz pflegebedürftiger Menschen im Fokus stehen.

Entscheidend ist zudem, dass Technologien nicht als Ersatz, sondern als Unterstützung und Entlastung für professionell Pflegende angesehen und Fragen zur Erklärbarkeit und zum Vertrauen in KI-Systeme hinreichend adressiert werden. Nicht zuletzt bedarf es einer Veränderungsbereitschaft sowie strategischen Zusammenarbeit aller Akteure.

Fazit

Künstliche Intelligenz ist keine Zukunftsmusik. Sie ist da und bietet Chancen, um dem demografisch bedingten Veränderungsdruck in der Langzeitpflege in Deutschland generell besser begegnen zu können. Zentrale Ziele ihres Einsatzes sollten dabei sein, Pflegeorganisationen weiterzuentwickeln, professionell Pflegende in ihrem Arbeitsalltag zu stärken und zu entlasten sowie pflegebedürftigen Menschen ein höheres Maß an Selbstständigkeit, Sicherheit und guter Pflege zu ermöglichen. Eine wichtige Voraussetzung dafür ist, mit den Chancen und Risiken von KI in der Pflege verantwortungsvoll umzugehen. Es wird dabei eine spannungsvolle Aufgabe bleiben, Potenzialausschöpfung und ethisch gebotene Einhegung in Bezug auf eine für die meisten Menschen im Detail kaum nachvollziehbare, zum Teil verunsichernde, aber zugleich sehr attraktive Technologie in Balance zu halten.

Den Herausforderungen und Risiken von KI in der Pflege muss verantwortungsvoll begegnet werden.

Für den im Sinne guter Pflege gelingenden Einsatz von KI – die zunehmend verfügbar und absehbar weitgehend in digitalen Systemen integriert sein wird – ist es praktisch von großer Bedeutung, dass alle Pflegenden in ihren unterschiedlichen Rollen fachgerecht mit ihr arbeiten können. Schlüssel hierfür ist eine zeitgemäße allgemeine und beruflich spezialisierte Digitalkompetenz von professionell Pflegenden. Diese gilt es dringend zu stärken. Denn auch – oder sogar besonders – bei umfassender Integration von KI-Systemen in Organisationen der professionellen Pflege bleibt die qualifizierte professionelle Pflegeperson von zentraler Bedeutung. Sie bildet den Kern einer menschenbezogenen Versorgung, bei der KI die bestmögliche Digital-Assistenz leisten sollte.

Zuletzt aktualisiert: 01.03.2026 Nächste vollständige Überarbeitung: